BerufslebenWarum die Suche nach Leidenschaft im Job ein Fehler ist

Man sollte vom Job nicht immer die große Leidenschaft erwarten
Man sollte vom Job nicht immer die große Leidenschaft erwartenPixabay

„Finden Sie Ihre Leidenschaft“ – für den Psychologen Gregory Walton von der US-Eliteuniversität Stanford gibt es kaum einen schlimmeren Karriereratschlag. „Was für ein verrückter Gedanke“, sagte Walton dem Magazin „The Atlantic“. Er und zwei Kollegen haben die potenziell negativen Folgen untersucht, wenn die Karriere auf persönliche Vorlieben fixiert ist. Sie warnen, dass die Suche nach der ganz besonderen Passion blind machen kann für echte Karrierechancen.

Die Forscher untersuchten in ihren Versuchsanordnungen zwei Denkrichtungen. Eine geht davon aus, dass Vorlieben quasi angeboren sind und deshalb entdeckt werden können. In der Anderen wachsen Interessen vielmehr und werden kultiviert. Walton, Stanford-Professorin Carol Dweck und der Psychologe Paul O’Keefe von der Universität Yale wollten wissen: Sind Menschen auf der Suche nach ihrer einen wahren Berufung engstirniger?

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Die Psychologen testeten ihre Theorie an einer Reihe von Studenten. Die füllten zunächst einen Fragebogen aus, der sie einem von zwei Interessenlagern zuordnete: Mathematik/Naturwissenschaften oder Künste/ Geisteswissenschaften. Das Mathe-Lager bekamen dann einen Artikel über den Philosophen Jacques Derrida zu lesen, die künstlerisch Interessierten durften sich mit Lektüre über die Zukunft von Algorithmen vergnügen. Die Probanden wurden ferner gefragt, ob sie denken, dass sich Interessen mit der Zeit nicht verändern. Wer dieser Aussage zustimmte, fand die wesensfremde Lektüre weniger spannend als die grundsätzlich aufgeschlossenen Probanden.

In einer zweiten Versuchsanordnung wurden die Studenten anfangs über eine der zwei Denkrichtungen (Interessen bleiben lebenslang gleich/Leidenschaften entwickeln sich erst) informiert. Dann erhielten sie den Artikel, der nicht ihrem eigentlichen Interessensgebiet entsprach. Ergebnis: Die Teilnehmer, die gelesen hatten, dass sich Vorlieben nicht verändern, fanden den Artikel weniger interessant. Sie waren also weniger aufgeschlossen.

Persilschein für Faulheit

Die Psychologen warnen angesichts der Ergebnisse davor, wegen vermeintlicher Leidenschaften im Beruf Scheuklappen zu entwickeln und neue, spannende Themen von vornherein auszublenden. Der Fokus auf „Herzensthemen“ kann der Studie zufolge auch zu fehlender Arbeitsmoral führen. Viele Studenten aus dem „Leidenschaftslager“ gaben zu Protokoll, eine Passion werde automatisch von einem unerschöpflichen Vorrat an Motivation begleitet. Gemäß dieser Logik wäre eine Aufgabe, die Überwindung und Anstrengung erfordert, schlichtweg einfach der falsche Job für den Betroffenen. Aber mit dieser Einstellung kommt niemand wirklich weit im Berufsleben – da mag die Leidenschaft noch so groß sein.