StudieSo viele Scheinselbstständige gibt es wirklich in Deutschland

Symbolbild Selbstständigkeit
Symbolbild Selbstständigkeit Getty Images

Verlage, Airlines und selbst der Bundestag geraten in den Verdacht, Scheinselbstständige zu beschäftigen. Gerade in der modernen, flexiblen Arbeitswelt verschwimmen die Grenzen zwischen „richtigen“ Selbstständigen und nur scheinbar Selbstständigen schnell. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales haben sich in einer Studie eingehender mit der Problematik beschäftigt. Das Fazit: Je nach Definition gibt es zwischen 235.000 und 436.000 Scheinselbstständige in Deutschland – und sie sind oft deutlich schlechter bezahlt als Kollegen.

Bei dem Thema spielt die Begriffsbestimmung eine entscheidende Rolle. Basierend auf der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) schätzt die IAB-Studie die Zahl der im Hauptberuf scheinselbstständig Beschäftigten auf rund 235.000. Dies entspreche etwa 0,7 Prozent aller Erwerbstätigen (ohne Beamte und Landwirte). Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung in Deutschland gelten Selbstständige dann als abhängig Beschäftigte, wenn sie:

  • bei Art, Zeit und Ort der Leistungserbringung weisungsgebunden sind
  • mit Mitarbeitern des Auftraggebers zusammenarbeiten müssen
  • auf Arbeitsmittel des Auftraggebers angewiesen sind

Die Studie berücksichtigte auch ein Alternativmodell des Bochumer Arbeitsrechtlers Rolf Wank. Demnach ist Scheinselbstständigkeit ferner gegeben, wenn der Betroffene:

  • keine inhaltliche unternehmerische Freiheit hat
  • keine eigene Unternehmensorganisation aufweist
  • nicht eigenständig am Markt auftritt

Auf Basis dieser Definition steigt die Zahl der Scheinselbstständigen hierzulande auf 436.000 (rund 1,3 Prozent aller Erwerbstätigen).

Das IAB, eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hatte sich bereits 1998 mit der Thematik beschäftigt. Im Vergleich zu damals ist die Zahl der Scheinselbstständigen nicht wesentlich gestiegen. Ihr Anteil habe sogar leicht abgenommen, teilte das Institut mit. Es untersuchte auch die Konsequenzen scheinselbstständiger Arbeit. Die Betroffenen verdienten demnach im Durchschnitt rund 20 Prozent weniger als selbstständig oder abhängig Haupterwerbstätige. Scheinselbstständigkeit trifft offenbar vor allem Menschen, denen kein anderer Karriereweg offen steht. Insbesondere Berufseinsteiger, Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose finden sich unter den Scheinselbstständigen.