KolumneLasst uns zusammen das Bruttosozialglück steigern!

Maike van den Boom
Maike van den BoomEvia Photos

Das Telefon klingelt und mein Büroengel ist dran mit dieser bekannten „Wie sag ich ihr es jetzt nett?“-Stimme. Schon klar. Wieder eine Absage, zumindest bis zum Herbst. Das war dann jetzt der letzte Auftrag für eine Keynote bis zum Sommer. Da hocke ich nun. Ich dynamische, selbstständige, alleinerziehende Glücksexpertin mit meiner Mission, die Deutschen glücklicher zu machen. Fliegerlos, 1500 km von meinen Eltern entfernt in Stockholm. Und ich mache mir Sorgen um die Menschen, die ich liebe. Doch die Schmerzen über den Verlust der Menschen, die uns nahe stehen, sind nicht Bestandteil dieses Artikels

Der Reset des Lebens gilt für alle, also auch für mich. Auch ich stelle mir die Frage, wie es weiter gehen wird. Meine Antwort darauf ist unbequem und lästig. Sie mutet heutzutage so an, als würde ich an mentalen Wahnsinn leiden oder grundlegender Realitätsferne zeigen, denn sie lautet: Wir schaffen das nicht nur, nein, wir werden wahrscheinlich gestärkter aus der Krise hervorgehen, als wir in sie hineingeschlittert sind. Auch, wenn es gerade schwer zu glauben ist. Aus der Perspektive der Glücksforscherin bin ich davon überzeugt, dass wir gesellschaftlich viel gewinnen werden, auch wenn wir bis dahin viel verlieren.

Jetzt ist Wunschdenken erlaubt und umsetzbar!

Denn unser gesamtes selbstverständliches Leben wurde von einem gemeinen Virus auf den Kopf gestellt. Jetzt können wir unsere Biografie und unseren Gesellschaftsentwurf von Grund auf neu gestalten. „Redesign your life“, heißt ein Buch eines Kollegen, dass ich jetzt auch endlich mal lesen kann. Das Virus hat nicht nur unser Gesundheitssystem gesprengt, sondern auch all die Krusten, die bisher über unserer Vorstellungskraft gelegen haben.

An allen Ecken brodelt Kreativität: Applausaktionen von Mitmenschen auf Balkonen. Dankesbezeugungen einer Kundin über die Durchsagelautsprecher eines Supermarktes. Bis hin zu einer Stiftung in Schweden, die eine Blitzausbildung für das freigestellte Flugpersonal zu Pflegepersonal finanziert. Mit übrigens überwältigendem Andrang. Wie viele IT-Berater sitzen gerade ohne Job und Aufgabe zu Hause und könnten der Lehrerschaft der Schule um die Ecke online digitale Kompetenz beibringen?

Jede pädagogische Hochschule hat jetzt die Chance, über Skype-Meetings ein neues, zeitgemäßes Konzept für die Lehrerausbildung zu entwickeln. Jetzt, wo der Laden eh nicht läuft, könnten wir mal einen Blick auf die Gehaltsstruktur im Unternehmen werfen? Und mal Management-übergreifend die neuen Formen der Führung diskutieren? Jetzt ist es an der Zeit, alle Manager eines Unternehmens das gleiche Buch lesen zu lassen und darüber zu diskutieren. Meines zum Beispiel.

Deutschland auf dem Synapsen-Sprung

Wir üben uns jetzt also in Zwangs-Flexibilität und Zwangs-Neudenken und das in einer unbekannten Dynamik. Deutschland ist jetzt lahmgelegt und doch bauen seine Bewohner 82 Millionen Mal ungekannte Synapsen-Konstrukte im Hirn. Denn wann immer wir umdenken (müssen), verknüpft sich unser Gehirn neuronal neu und wir wachsen. Sprich, wir nutzen unser schlummerndes Potenzial. Anstelle des Weges A, wissen wir jetzt, es gibt auch noch Weg B, oder E. Und wann immer wir lernen, werden wir auch ein wenig glücklicher. Und dann ist Veränderung auch kein Zwang mehr, sondern das neue Hobby, wie in den skandinavischen Ländern. Und das tut uns, ganz besonders in Deutschland, sehr gut.

Es gibt einen Grund, weshalb wir es bei all unserem Wohlstand nie auf die ersten zehn Plätze der glücklichsten Länder der Welt geschafft haben. Auch dieses Jahr nicht. Beim World Happiness Report landen wir auf Platz 17. Ich bin davon überzeugt, dass sich das nicht nächstes Jahr, aber vielleicht in 2022 geändert haben wird. Wir werden durch die Krise glücklicher werden, denn die deutsche Zukunftsangst und die Furcht vor dem Ungewissen haben unsere Gesellschaft und Wirtschaft lange gelähmt.

Jetzt hat die Zukunft also recht unerwartet und als Supergau an die Tür geklopft und therapiert so unsere Bedenken. „Exposure in vivo“ nennt man das in der Psychologie. Patienten werden von ihrer Angst befreit, indem sie mit ihr konfrontiert werden.