Junge Elite „Konzern ist für mich kein negativ besetzter Begriff“

Amorelie-Co-Gründerin Lea-Sophie Cramer
Amorelie-Co-Gründerin Lea-Sophie Cramer
© Amorelie
Lea-Sophie Cramer hat mit dem Start-up Amorelie den Sextoymarkt revolutioniert. Inzwischen hält Pro Sieben Sat.1 98 Prozent am Unternehmen. Wie die Gründerin versucht, die Balance zwischen Start-up und Konzern zu wahren, erklärt sie im Interview.

Capital: Lea-Sophie, Du zählst zu den vom Wirtschaftsministerium ausgewählten „Vorbild-Unternehmerinnen in Deutschland. Was macht eine Vorbild-Unternehmerin aus?

Meine Unternehmerinnen-Vorbilder sind Frauen, die eine große Vision mit viel Leidenschaft, Mut, Energie und Optimismus verfolgen und andere damit inspirieren. Das finde ich toll und wenn man dann noch Zeit und Kraft findet, anderen Frauen den Weg in Führungspositionen leichter zu machen, dann ist das großartig. Ich finde Vorbilder wichtig und habe selbst unglaublich viele.

Als Schülerin/Studentin – wie sahen Deine Karriereziele aus? Wolltest Du immer ein eigenes Unternehmen gründen?

Der Wunsch Unternehmerin zu werden, kam gegen Ende des Studiums auf. Mein Chef im Praktikum bei einer Unternehmensberatung sagte zu mir damals: Lea, wir machen dir ein Angebot und freuen uns, wenn du zu uns kommst, aber eigentlich solltest du Gründerin werden.” Ich gehe an Problemstellungen eben eher unternehmerisch heran und frage mich, wie man das Ganze besser machen kann, als nur einen Teilaspekt kurzfristig zu lösen. Ich liebe es, viel Energie und Leidenschaft in Ideen zu investieren.

Auf dem Weg zur Unternehmerin – welche Karriereschritte und welche Learnings waren für Dich die wichtigsten?

Vor der Gründung von Amorelie war auf jeden Fall meine Zeit bei Groupon sehr prägend für mich, als ich für Oliver Samwer gearbeitet habe. Dort habe ich gelernt, wie man Unternehmen aufbauen kann und einen Führungsstil kennengelernt, den man übernehmen kann - oder halt auch nicht - oder dann lieber seinen eigenen entwickelt. Was ich dort am meisten geschätzt habe, war die Erkenntnis, dass Fähigkeiten und Motivation nicht nur mit dem Alter zu tun haben, sondern dass man auch in jungen Jahren viel erreichen kann.

Ein wichtiges Learning war für mich auch immer der Spruch meines Vater „Stärken stärken“ - so habe ich früher viel Zeit und Energie investiert, um an meinen Schwächen zu arbeiten und darin gut zu werden, anstatt zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die mir leichter fallen, mehr Spaß machen und dann diese konsequent auszubauen.

Außerdem muss ich sagen, dass es mich echt überrascht hat, wie wichtig ein gutes Netzwerk ist. Es ist einfach so viel leichter, wenn man Leute hat, die man fragen kann, wenn man Dinge zum ersten Mal macht.

Aus der eigenen Start-up-Welt auszubrechen hilft, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten
Lea-Sophie Cramer

Amorelie ist längst kein Start-up mehr, sondern ein Unternehmen mit Millionen-Umsatz und rund 100 Mitarbeitern. Welchen Herausforderungen musstet Ihr Euch beim Wachstumsprozess bezüglich der Unternehmenskultur stellen?

Das ist in der Tat eine meiner größten Herausforderungen. Am Anfang kommt die Kultur automatisch und wenn man sich darum bemüht, dann hat man in kleineren Unternehmen auch schnell einen Einfluss auf eine eigenständige Unternehmenskultur.

Mit größerem Wachstum wird es schwieriger. Es müssen Prozesse her und Traditionen gepflegt werden, sodass Kultur erlebbar wird. Wir müssen implizite Werte viel klarer explizit machen, sodass unsere Führungskräfte auch ohne die Gründer/Geschäftsführer die Kultur in unserem Sinne weiterführen und -leben. Ich versuche gerade durch Tools, Benchmarks und Coachings mich einer neuen Arbeitsweise anzunähern.

Wie konntet Ihr damit umgehen: Start-up vs. Konzern-Mentalität?

Konzern ist für mich kein negativer besetzter Begriff. Von der Beratung bin ich zu Rocket Internet gegangen und inzwischen unterstütze ich als Verwaltungsrätin Conrad Electronic . Konzernstrukturen sind für mich also nicht neu. Pro Sieben Sat.1 beteiligt sich auch nicht bei Amorelie, um das, was uns ausmacht zu verändern, sondern vielmehr um es zu unterstützen. Das ist in beide Richtungen sehr befruchtend. Aus der eigenen Start-Up-Welt hin und wieder auszubrechen hilft oft, Dinge und Probleme aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können. Auf der anderen Seite ist unser kreatives, buntes Start-Up mit gesellschaftlichem Auftrag eine Bereicherung für die andere Seite.

Bei Conrad Electronic, einem eher tradtionellen Unternehmen, soll Dir als Mitglied des Verwaltungsrats der umgekehrte Coup gelingen: Ein Traditionsunternehmen zukunftsfest machen. Wie geht das?

Bei Conrad Electronic besteht meine Aufgabe vor allem darin innerhalb meiner Position meine Expertise einzubringen wenn es um Digitalisierung, junge Zielgruppen, eine Start-up Mentalität, die auch in Konzernen funktionieren kann etc. geht. Ich glaube fest daran, dass das zukünftige Schicksal eines jeden Unternehmens hauptsächlich an dem Mut, der Offenheit, der Risikofreude und Neugier des Managementteams hängt.

Wie kann man sich die Arbeit als Verwaltungsrätin vorstellen?

Das ist so kurz sehr schwer in Gänze zu erzählen. Wir haben unsere Meetings jedes Quartal und stehen natürlich auch dazwischen im Austausch. Aus dem Start-up Umfeld bringe ich eine andere Denkweise und eine neue Perspektive mit und versuche das in Form eines Sparrings, Hinterfragens, Mit-Diskutierens etc. einzubringen um das Unternehmen zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Frauen, nehmt die Väter und Arbeitgeber in die Pflicht
Lea-Sophie Cramer

Was muss man dafür mitbringen?

Eine spezifische Expertise, Neugier und natürlich den Willen, sich neben dem Tagesgeschäft bei Amorelie noch einer weiteren Herausforderung zu stellen und diese auch entsprechend ernst zu nehmen. Ich empfinde es als Bereicherung und lerne auch hier wieder sehr viel. Schließlich bringe ich nicht nur etwas ein, sondern kann von einem so lange etablierten Familienunternehmen natürlich auch wertvolle Erfahrungen mitnehmen.

Zwei große Baustellen in Deutschland: Start-up-Förderung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was muss da getan werden?

Gute Ideen und der Mut zu Gründen tragen zum wesentlichen Teil zu einer dynamischen Wirtschaft bei. Innovationen lassen sich in Start-ups schnell umsetzen. Eine Gesellschaft, die neue Ideen und Veränderungen will, die muss Gründer fördern. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzte ich mich, als Mutter von zwei Kindern, natürlich selbst stark ein. Frauen sollten alle Möglichkeiten bei der Berufswahl haben und hierbei keine Abstriche machen müssen, weil sie denken, sie würden Karriere und Kind nicht unter einen Hut bekommen. Dies muss einfach vom Staat und von Arbeitgeberseite besser unterstützt werden. Und ein Partner, der seine Verantwortung als Elternteil genauso ernst nimmt, schadet auch nicht. Ich appelliere hier auch immer an die Frauen: Traut euch und übt den Beruf aus, den ihr machen wollt und nehmt die Väter und Arbeitgeber mit in die Pflicht.

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