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Wir machen was Karsten Kossatz: „Jeder tut das, was er kann“

Karsten Kossatz
Independesk-Gründer Karsten Kossatz; Copyright: Paul Wehden
© PR
New-Work-Experte Karsten Kossatz vermittelt mit seinem Start-up Independesk deutschlandweit Coworking-Spaces. Nun sucht er nach freien Schreibtischen, die Geflüchtete kostenlos nutzen können.

Capital kürt jährlich die herausragenden Talente des Landes aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft – die „Top 40 unter 40“. Daraus ist ein Netzwerk aus über 1000 Mitgliedern entstanden. Viele dieser Entscheider haben nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine umgehend Initiativen gestartet: Sie helfen Menschen in der Ukraine vor Ort und auf der Flucht und sie positionieren sich gegen den Angriff des russischen Regimes. Capital stellt einige Top40-Akteure in der Serie „Wir machen was“ vor.

Capital: Herr Kossatz Sie wollen kostenlose Arbeitsräume an Geflüchtete vermitteln. Wie sind Sie darauf gekommen?

KARSTEN KOSSATZ: Das liegt nahe, da wir mit unserem Start-up Independesk in diesem Markt sind: Auf unserer Plattform kann jedes Unternehmen freie Schreibtische anbieten, die angemeldete Nutzer, die gerade in der Nähe sind, buchen können. Das funktioniert wie Carsharing. Für meinen Mitgründer Uwe Weinreich und mich lag es auf der Hand, dass wir unsere Geschäftspartner fragen, ob sie Büros vorübergehend auch kostenfrei für Geflüchtete zur Verfügung stellen für unsere Workplace Initiative.

Und ist das jetzt wirklich wichtig? Also gibt es dafür einen Bedarf?

Dach und Bett sind erst mal wichtig. Aber in manchen Sammelunterkünften gibt es keinen Platz und keine Ruhe für konzentriertes Arbeiten, zum Nachrichten schauen, E-Mails schreiben oder Papiere sortieren. Deshalb wird der nächste Schritt sein, den Menschen einen Alltag mit ein paar Grundstrukturen zu ermöglichen. Dazu kann auch ein Arbeitsplatz gehören. Und dabei können wir unterstützen. Jeder tut das, was er kann. Während der Flüchtlingswelle 2015 war ich Geschäftsführer einer Werbeagentur. Da haben wir Jugendlichen aus Syrien Sprachkurse angeboten. Ich war der Meinung, dass wir uns als Kommunikationsexperten auf diese Art sinnvoll einsetzen konnten. Alles andere wäre auch blinder Aktionismus.

Wie viele Arbeitsräume haben Sie für diese Hilfsaktion bislang im Angebot?

Viele unsere Partnerfirmen haben sofort ein Kontingent ihrer Schreibtische zur Verfügung gestellt. Nach einer Woche hatten wir Angebote an rund 200 Orten in Deutschland. Da ist noch Potential. Denn durch die Pandemie-Beschränkungen und den anhaltenden Trend zum Homeoffice sind ohnehin zahlreiche Büroflächen ungenutzt.

Wie sind die Arbeitsplätze ausgestattet?

In der Regel mit Tisch, Stuhl, WiFi und Strom. Aber wir sind nun auch mit Unternehmen im Gespräch, die zusätzlich noch Laptops stellen könnten.

Und wie werden Ukrainer auf das Angebot aufmerksam gemacht?

Ich habe ein Video aufgenommen, indem ich das Angebot anderthalb Minuten lang erkläre – auf ukrainisch. Einer meiner Mitarbeiter hat mir den Text übersetzt, ich habe es in Lautsprache transkribiert und auswendig gelernt. Ich habe ganz schön geschwitzt dabei. Vier Wörter habe ich offenbar so vernuschelt, dass wir noch den ukrainischen Untertitel daruntergesetzt haben. Das Video haben wir über alle möglichen Kanäle verbreitet.

Haben schon Ukrainer Arbeitsplätze angefragt?

Ja, die erste Anfrage ist vergangene Woche reingekommen. Wir schauen jetzt, ob es sich weiter herumspricht und der Bedarf da ist. Wir werden auf jeden Fall weiter an unseren 1300 vorhandenen Standorten über die Initiative informieren.

Sie haben schon im Corona-Lockdown eine Hilfsaktion gestartet: „Rette Deine Lieblingsorte“ lautete der Aufruf Ihrer Initiative „Helfen. Berlin“. Da haben Sie über eine Plattform Gutscheine für Restaurants, Café und Shops verkauft, um den Inhabern eine finanzielle Unterstützung zu bieten. Wie erfolgreich war das?  

Innerhalb von sechs Wochen haben wir mehr als 1,5 Mio. Euro mit dem Gutschein-Verkauf eingenommen. Das war nicht nur finanziell erfolgreich, sondern hat in den ersten Pandemiewochen auch ein Bewusstsein für die Lage der Gastronomen und Händler geschaffen. Dabei habe ich gelernt, wen ich anrufen muss, wenn ich schnell eine Hilfsaktion starten will, welche Strukturen ich dafür brauche, wie ich Programmierer und Graphiker bekomme. Da habe ich nun einen Baukasten, mit dem ich nebenbei Nonprofit-Projekte stemmen kann.

Karsten Kossatz, 30, bezeichnet sich selbst als Experte für New Work und hybrides Arbeiten. Er hat mehrere Firmen und Non-Profit-Organisationen gegründet, vor knapp zwei Jahren kam Independesk hinzu. Die Online-Plattform registriert ungenutzte Büroräume, die kurzfristig angemietet werden können.    


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