Top 40 unter 40Investoren bleiben Indien treu

Blick in ein Textilgeschäft während des Lockdowns
Blick in ein Textilgeschäft während des Lockdownsimago images / Hindustan Times


Angela De Giacomo, 39, hat BWL mit Schwerpunkt Steuerrecht und -prüfung studiert, als Steuerberaterin für die Wirtschaftsprüfer KPMG gearbeitet und ist seit sieben Jahren als Vermögensverwalterin für die Unternehmerfamilie Bissell in Indien tätig. Capital hat sie 2019 unter Deutschlands Top 40 unter 40 gewählt.


Nichts sehen, nichts hören, nichts riechen. So kamen mir die letzten Wochen manchmal vor. Und trotzdem muss ich weitreichende Entscheidungen treffen – aus Berlin statt Delhi. Normalerweise stehe ich morgens auf dem Weg zur Arbeit durch die indische Megametropole zum Industriegebiet Okhla stundenlang im Stau. Ich rieche den süßen Gewürztee der Straßenverkäufer, höre das Hupen der anderen Verkehrsteilnehmer, sehe Kühe und Schweine, die im Müll nach Futter suchen.

Hinter „Tor 40“ sitzt die Zentrale des indischen Bekleidungsunternehmens Fabindia, die für traditionelle indische Kleidung wie Saris und Kurtas bekannt sind. Seit sieben Jahren verwalte ich das Millionen-Vermögen der Gründerfamilie Bissell. Ich arbeite schon lange in Indien, zuvor auch schon projektweise für meinen vorherigen Arbeitgeber, die Unternehmensberatung KPMG. In der Regel bin ich vier bis fünf Monate in Indien, den Rest des Jahres in Deutschland und anderen Teilen der Welt.

Aber nun sitze ich seit mehr als zehn Wochen in Berlin und komme nicht mehr zurück. Denn seit dem 24. März hat die indische Regierung für das große Land mit seinen 1,3 Milliarden Menschen einen strikten Lockdown verhängt.

Fabindia musste umgehend alle 350 Läden schließen. Sechs Wochen lang konnte das Unternehmen keinen Umsatz generieren (zum Vergleich: der Jahresumsatz in 2019 lag bei 200 Mio. Dollar). Davon waren 3000 Mitarbeiter und 60.000 Kunsthandwerker betroffen. Für Fabindia, das zu den größten Social-Impact-Unternehmen in Indien gehört, ist das eine besondere Verantwortung. Denn die Bissell-Familie legt großen Wert darauf, vielen Menschen, darunter vielen Frauen, auch in abgelegenen Teilen Indiens eine Verdienstmöglichkeit zu bieten und sie am Unternehmenserfolg zu beteiligen. Deshalb mussten wir in dieser Krise schnell neue Maßnahmen finden. Zum Beispiel galt es die Genehmigung des Prime Minister Office (PMO) für die Umstellung der Produktion zu erwirken, um notwendige Ganzkörper-Anzüge herzustellen. Die enge Zusammenarbeit mit dem PMO war erforderlich, um die Produktionsstätten zu öffnen und um Mitarbeiter, trotz der Straßensperren, den Zugang zu den Produktionsstätten zu ermöglichen. Aber gerade in dieser kritischen Situation hat die virtuelle Zusammenarbeit durch Teamwork, Solidarität, Kreativität und belastbare Netzwerke auch über unterschiedliche Standorte und Zeitzonen erfolgreich funktioniert.

Neben der Stabilisierung des Kerngeschäfts musste ich mich insbesondere um die Beteiligungen der Familie kümmern. Einige davon sitzen in Bangalore, dem Tech-Hub Indiens. Die Einbrüche der Aktienkurse in den vergangenen Wochen waren brutal. Auch die Gründer der Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, zum Beispiel Crayon Data, Foradian Technologies und Wow Momo sowie das digitale Medienunternehmen YourStory bei dem ich im Board sitze, mussten sich sehr schnell neu orientieren. Dabei hatten wir viel zu besprechen und neu zu sortieren. Wir haben unter anderem festgelegt, wer ersatzweise als CEO agieren wird, falls der bestehende CEO krankheitsbedingt ausfällt, welche Kosten reduziert werden können damit die bestehenden liquiden Mittel möglichst lange erhalten bleiben, wie die Business Modelle an die neue Situation angepasst werden können und welche Team-Mitglieder aus dem operativen Geschäft herausgehalten werden, um eine kreative Ideen-Taskforce zu bilden.

Indien hat trotz Corona-Krise Potential für Investoren. Ein nicht zu übersehender Gradmesser dafür ist Facebook. Das soziale Netzwerk hat im April verkündet, dass es  5,7 Milliarden Dollar in das indische Telekommunikations-Unternehmen Reliance Jio investieren wird. Daneben haben chinesische Investoren in den vergangenen fünf Jahren bereits rund vier Milliarden Dollar in indische Start-ups investiert. Sie sitzen in 18 der 30 indischen Unicorn-Unternehmen. Indische Investoren haben also längst Konkurrenz aus den USA und China bekommen, die um indischen Konsumenten buhlen.

Daran ändert auch der Lockdown nichts.