Wochenrückblick10000 Punkte! Na, und?

Der Donnerstag war ein historischer Tag: Erstmals in seiner 30-jährigen Geschichte sprang der Dax über die Marke von 10.000 Punkten – allerdings nur kurzzeitig. Trotzdem bot das Überspringen der magischen Grenze natürlich Anlass für Kommentare, Rückblicke und auch Fotos.

Eine richtige Euphorie wollte sich nicht einstellen. Die Süddeutsche Zeitung zitiert den Börsenpsychologen Joachim Goldberg mit den Worten, dass solche runden Marken überschätzt würden. Andere Börsenprofis wiesen daraufhin, dass der Index durch die Berücksichtigung von Dividenden künstlich aufgepumpt sei. Tatsächlich hat der Dax hier unter den Börsenindizes ein Alleinstellungsmerkmal.

Kurstafel in Frankfurt
Ein Foto vom Rekord an der Kurstafel
© Getty Images

„Betrachte ich anstelle des zumeist beobachteten Performanceindex des Dax jedoch den Kursindex, so ist auch hier noch Spielraum nach oben“, sagte Laureus-Vorstand Anja Welz. „Ohne Einrechnung von Dividenden etc. ist dieser noch gute 15 Prozent von seinem Allzeithoch entfernt.“ Aber den Kursindex haben halt auch nur die Börsenprofis im Blick.

Jedenfalls sind die Aussichten für deutsche Aktien weiterhin gut. „Mittelfristig sind wir für den Aktienmarkt insgesamt sehr positiv, wobei wir insbesondere Chancen bei Unternehmen sehen, bei denen Rendite und Risiko im Einklang
stehen: Unternehmen, die finanziell solide aufgestellt und langfristig orientiert sind, nachhaltig handeln und einen starken Cashflow generieren“, sagte Ralf Müller-Rehbehn, Porfolio-Manager von AMF Capital.

Draghis „dicke Bertha“

Ein Blick auf die langfristige Entwicklung einzelner Werte zeigt, dass viele Unternehmen noch Potenzial haben. Bei einigen Titeln liegen die Rekordstände schon lange zurück. Die Aktie der Deutschen Bank etwa erreichte Mitte Mai 2007 den höchsten Stand. Bei der Commerzbank und der Deutschen Telekom muss man bis in den März 2000 zurückgehen. Daimler-Papiere notierten Ende April 1999 am höchsten und Lufthansa-Titel im Juli 1998. Am historischen Donnerstag begleiteten mit BASF, Linde und Henkel nur drei Aktien den Dax auf seiner Rekordfahrt.

Für die gute Gesamtlage an den Aktienmärkten spielt die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank eine wesentliche Rolle. Ohne die Beschlüsse des EZB-Rats vom Donnerstag wäre der Sprung über 10.000 wahrscheinlich (noch) nicht gelungen. Nach den Entscheidungen wissen die Börsianer nun, dass die Politik des billigen Geldes fortgesetzt wird und dass die EZB bereit ist, weitere unkonventionelle Maßnahmen im Kampf gegen eine drohende Deflation zu ergreifen.

EZB-Chef Mario Draghi hatte versprochen, die „Dicke Bertha“ in Stellung zu bringen. Das war der Spitzname eines deutschen Geschützes aus dem Hause Krupp, das im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Allerdings hinterließ der 42-Zentimeter-Mörser vor allem Zerstörung. Aber das wird Draghi nicht gemeint haben, als er das Bild benutzte. EZB-Beschlüsse mit Durchschlagskraft wurden erwartet.

Und Draghi hat ein dickes Paket geliefert. Die „Dicke Bertha“ der Zentralbank besteht im wesentlichen aus einer Zinssenkung, Strafzinsen und einerm Programm, das helfen soll, die Kreditvergabe in den südeuropäischen Krisenländern anzukurbeln. Der Zinssatz sinkt auf den Tiefststand von 0,15 Prozent. Und Banken die Geld bei der EZB parken, müssen dafür künftig selbst Zinsen zahlen.

Die EZB ist nicht für Sparerträge verantwortlich

Neue Freunde hat sich der italienische Zentralbankchef in Deutschland nicht gemacht. Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon hatte ihn schon vor der Entscheidung für die niedrigen Zinsen auf Spareinlagen verantwortlich gemacht. Nach Verkündung der Beschlüsse  wiederholte er die Kritik. Dass es dafür auch hausgemachte Gründe gibt, verchweigt er dagegen lieber. Abseits von Sparbuch und Tagesgeldkonto gab und gibt es schon die ein oder andere erfolgversprechende Geldanlage – freilich nicht ohne Risiko.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, hält diese Kritik an der EZB daher auch für falsch: „Zu behaupten, die EZB enteigne die europäischen Sparer, verkennt das Mandat der EZB. Ihre Aufgabe ist es nicht, Sparern selbst in Zeiten einer Finanzkrise einen gewünschten Ertrag auf risikoarme Anlagen zu sichern.“

Schmieding ist überzeugt, dass das Maßnahmenbündel zur Erholung beitragen wird. Und es werde mit Sicherheit keinen Schaden anrichten. Da gibt es freilich auch andere Stimmen aus der Ökonomenwelt. Aber auch die Draghi freundlich gesinnte Volkswirte stellen sich die Frage, ob bald die nächste „Dicke Bertha“ kommt.