Interview"Die Menschen werden gezwungen zu gehen"


Dambisa Moyo ist eine Ökonomin aus Sambia. Sie hat für die Weltbank und Goldman Sachs gearbeitet. Bekannt wurde sie durch ihr Buch „Dead Aid“, einer scharfen Abrechnung mit der westlichen Entwicklungshilfe. Das Time Magazine nahm sie 2009 in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt auf. Hier kann man sie im TED Talk erleben


Capital: Migration ist auf einen Schlag zum Top-Thema geworden. Ist das eine vorübergehende Krise oder hat im vergangenen Jahr eine neue Ära begonnen?

Dambisa Moyo: Millionen Menschen, die sich auf den Weg machen – das ist ziemlich beispiellos. Bisher hat die Politik sich sehr taktisch verhalten. Aber allmählich wird klar, dass dies ein Problem von Dauer ist. Und zwar ein wachsendes. Die Migration ist inzwischen nicht mehr nur eine politische Frage. Sie betrifft das Wirtschaftswachstum, die Sozialsysteme, den Arbeitsmarkt, die Gesundheitsversorgung. Anfangs hat man sozusagen nur „erste Hilfe“ geleistet. Aber jetzt wird ein sehr viel strukturierter und systematischer Ansatz gebraucht.

Wird die Wanderung unter dem Strich positiv oder negativ für die Aufnahmeländer sein?

Das hängt davon ab, wie die Migranten sich in die neue Gesellschaft integrieren. Die USA sind seit mehr als 300 Jahren das beste Beispiel für einen positiven Effekt. Die Zuwanderung war ein Eckpfeiler der amerikanischen Erfolgsstory. Mit der europäischen Denkweise ist das sehr viel schwieriger, das Bekenntnis zur Immigration steht hier eher auf dem Papier. Wenn eine sehr junge Gruppe ankommt, spricht natürlich viel für positive Folgen. Man kann aber auch argumentieren, dass ein großer Zustrom von – nach westlichem Standard – schlecht Ausgebildeten eher negativ wirken wird, weil Sozial–, Bildungs– und Gesundheitssysteme stärker unter Druck geraten. Das Beispiel USA zeigt, dass es möglich ist, verschiedene Kulturen zu assimilieren. Europäische Staaten haben damit wenig Erfahrung.

Bringen Migranten nicht neuen Unternehmergeist?

Kleine und mittlere Unternehmen sind nach Meinung vieler Ökonomen das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgs. Viele dieser Unternehmen werden von Zuwanderern geführt. Aber da kommt es wieder auf die Reaktion der Gesellschaft an. Nehmen wir wieder das Beispiel USA: Der amerikanische Traum beruht auf Chancengleichheit beim Weg zu wirtschaftlichem Aufstieg. Dazu kommt der erfolgreiche Strukturwandel von der Landwirtschaft zu Industrie, Dienstleistung und Forschung. Viele Zugewanderte aus Zentralamerika erledigen heute Jobs, die US-Amerikaner scheuen.

„wir brauchen eine Politik für mehr Wachstum“

Ist das europäische Sozialstaatsmodell überhaupt mit Massenzuwanderung vereinbar?

Unter den Kosten des Sozialstaats hat Europa schon vor der Krise geächzt. Angela Merkel hat das immer in drei Zahlen ausgedrückt: 7-25-50. Europa hat sieben Prozent der Weltbevölkerung, 25 Prozent des globalen BIP, und 50 Prozent der Sozialtransfer weltweit. Es ist klar, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Wenn ein Teil der Zuwanderer wirtschaftlich nichts beitragen kann, müsste der Sozialstaat noch ausgebaut werden. Damit sind wir wieder bei der Frage, welche Zuwanderungsstrategie man verfolgt.

Sollten wir den Mindestlohn kürzen, um ungelernte Migranten in Arbeit zu bekommen?

Es gibt in unseren Gesellschaften heute ein generelles Problem der Ungleichheit und der fehlenden Chancen. Die Zuwanderung verschärft das nur. Transfers und Mindestlohn bieten eine kurzfristige Lösung, die Politik muss einfach die Frage beantworten: welchen Mindestlebensstandard wollen wir sichern, auch wenn die Reallöhne fallen? Auf lange Sicht muss es aber um größere soziale Mobilität gehen. Wir müssen hier und heute eine Absicherung schaffen. Langfristig brauchen wir eine Politik für mehr Wachstum und langfristige Chancen.