Markus Väth Deutschland muss raus seiner Selbstbezogenheit

Markus Väth
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Die Zeit, in der sich die Bundesrepublik eine Art Selbstbezogenheit leisten konnte, ist vorbei. Angesichts des Ukraine-Krieges wirkt das nur noch naiv. Was Politik und Wirtschaft jetzt brauchen, sind klare Positionen

Anfang der Achtziger, ich war gerade in der Grundschule, brach bei uns im Küchenradio die Neue Deutsche Welle aus. Die Älteren werden sich an diese musikalische Ära erinnern. Die Jüngeren mögen sich einfach, ja, was vorstellen? Die Neue Deutsche Welle war eine einzige große Geschmacksverirrung, ein Trauma in der musikalischen Entwicklung der Bundesrepublik. Wenn der Spruch „Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird“ jemals den Praxisfall erlebte, dann in der musikalischen Leidenszeit der Neuen Deutschen Welle. 

Die Neue Deutsche Welle: kindlich und selbstverliebt

Was machte die Neue Deutsche Welle so schmerzhaft? Es war die Kombination aus musikalischer Hilflosigkeit bei gleichzeitig brutaler Selbstbezogenheit. Jede musikalische Ära ist ja irgendwie selbstreferenziell, will sich vertiefen und ausbreiten. Aber anders als Punk vorher und Grunge hinterher fehlte den Protagonisten der Neuen Deutschen Welle ein dynamischer Impuls nach außen. So lässt sich die Botschaft der Neuen Deutschen Welle in der Liedzeile von Trio perfekt zusammenfassen: „Da, da, da - ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht“. Sinnfrei, kindlich, irritierend - vielleicht war dies schon die maximal positive Seite der Neuen Deutschen Welle.

Die Politik macht auf Da-Da-Da

Warum nehme ich Sie mit in diese musikhistorische Vorlesung? Wir erleben gerade ein Revival der Neuen Deutschen Welle - nur auf der politischen Bühne Deutschlands. Was wäre, wenn beispielsweise im politischen Alltag vernünftig priorisieren würden? Dann würden wir beispielsweise den Mut des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und des ukrainischen Widerstands dadurch ehren, dass wir im Bundestag wenigstens über die Kriegslage diskutieren, anstatt nach dessen Rede buchstäblich zur Tagesordnung überzugehen.

Oder wir würden alle Kräfte auf das Lösen der Energiekrise konzentrieren anstatt alte, völlig sinnfreie ideologische Debatten über ein Tempolimit zu führen. Und ganz ehrlich: Angesichts der Bilder des Massakers im ukrainischen Buchta muss auch dem hartnäckigsten Corona-Diskutanten klarwerden, dass das Für und Wider einer Maskenpflicht im Alltag nicht unbedingt eine Top-Priorität in der politischen Diskussion braucht. 

Deutschland muss raus aus der Selbstbezogenheit

Was sich die Neue Deutsche Welle als musikalische Strömung leisten konnte, darf in der Politik nicht passieren: Selbstbezogenheit und ein unklares Verhältnis zur Wirklichkeit. Deutschland ist in den letzten zehn, zwölf Jahren auf der Welle der Weltkonjunktur nach oben geschwommen, aber das dahinter liegende Wellental ist tief. Und wir sind dabei, ungebremst hinabzustürzen. Klingt dramatisch? Ist es auch.

Dabei sind die Referenzpunkte, an denen wir aktuelles politisches und wirtschaftliches Handeln ausrichten sollten, längst gesetzt: Reaktivierung von Atom- und Kohlekraftwerken zur kurzfristigen Überbrückung der Gaskrise, flankierend ein konsequenter Ausbau der erneuerbaren Energien; eine Entbürokratisierung der Wirtschaft, damit diese sich wechselnden Krisen besser anpassen kann; Dynamisierung und Verschlankung politischer Prozesse (dazu gehören auch ein massiver Musterwechsel des Parteiensystems hin zu System der Kooperation, nicht Konfrontation aus Prinzip); eine klare Positionierung zu Russland und zum Ukraine-Krieg und eine Wiederbelebung der deutsch-französischen Achse für ein starkes Europa. 

Die Wirtschaft muss Druck machen

Wirtschaftsvertreter sollten ebenfalls raus aus ihrer Selbstreferenzialität. Es reicht eben nicht mehr, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Als Teil der Gesellschaft muss die Wirtschaft ihre Stimme erheben und von der Politik klare Positionierungen einfordern - nicht nur aus moralischen oder politischen Gründen, sondern auch aus schlichtem Eigennutz. Wirtschaft braucht Berechenbarkeit. Dass diese momentan schwer herzustellen ist, spricht nicht gegen den Versuch, sie herzustellen.

Politik braucht Wirtschaft als Sparringspartner auf Augenhöhe – und umgekehrt. Auch die Wirtschaft muss sich in den entscheidenden Fragen klar positionieren – gegenüber der Politik und auch gegenüber ihren Kunden. Die Zeit des „Da da da“ und der Selbstbezogenheit ist vorbei. Die Welle werden wir nur gemeinsam reiten – oder abstürzen. Aber dann ist der Musikstil auch egal. 

Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth


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