KolumneDas waren die Buzzwörter des Jahres 2017

Wenn ich auf 2017 zurückblicke, fallen mir gleich mehrere Unwörter ein, die zwar nicht neu, aber erst in diesem Jahr so richtig im Management-Mainstream angekommen sind. »Vertrauen« muss nun endlich zum Wortschatz jeder Führungskraft gehören. »New Work« soll es doch bitte sein und wenn ich noch einmal den Ruf nach »Agilität« höre, bluten mir schon fast die Ohren.

Wobei … genau genommen sind das doch gar keine Unwörter. Ich tue mich sogar direkt schwer, ein Unwort des Jahres zu küren. Denn für mich sind diese hübschen Wörter nichts weiter als Flutschbegriffe.

Was sagen Sie?

Kennen Sie nicht, Flutschbegriffe? Doch, das sind Wörter, die wie Gleitcreme funktionieren: Sie sind so allgemein und vielsagend, dass sie immer irgendwie passen und jeder sich sofort darauf beziehen kann. In jedem Kontext andockbar: Das sind Flutschbegriffe.

Wenn Sie im Meeting also von »New Work« sprechen oder »Vertrauen« in der Führung anpreisen – dann beschleunigt sich die Kommunikation gleich nochmal. Alle fühlen sich wohl, jedem fällt dazu etwas ein, alle haben das Gefühl, es wird etwas Richtiges und Wichtiges gesagt. Wunderbar!

Das Problem dabei: In Wahrheit haben Sie gar nichts gesagt. Jedenfalls nichts Konkretes. Denn »Vertrauen« zum Beispiel kann ja tausenderlei Dinge bedeuten. Flutschbegriffe sind wie ein nasses Stück Seife. Sie sagen »Planung«, der andere versteht »Planung«, weiß aber leider überhaupt nicht, wovon Sie reden, und schon ist Ihr Gedanke zwischen den Fingern durchgeflutscht und Sie bekommen ihn in der laufenden Debatte nicht mehr zu fassen.

Schlimmer als alle anderen

Drehen wir die Kür also um: Welcher war der schlimmste Flutschbegriff 2017 in Ihrem Unternehmen? Das erkennen Sie ganz einfach daran, wenn Sie einmal Ihre Budgets durchsehen. Denn für Flutschbegriffe und ihre Auswirkungen werden in größter Eile Budgets freigemacht – ungeachtet des Contents und oft genug ohne dass substanziell etwas geändert wird. Klar müssen Sie Budget freimachen für z.B. »Working Out Loud« (ein noch ganz frischer Flutschbegriff, der sicher in den nächsten Jahren reüssieren wird). Das steht schließlich in allen großen Zeitschriften und Bosch macht es auch schon. Sie sehen, worauf ich hinaus möchte.

Die Devise lautet schließlich: Machen! Nicht so viel nachdenken, bloß nicht zu lange in der Vergangenheit hängenbleiben, lieber ganz vorne dabei sein bei den modernen Methoden.

Unter diesem Gesichtspunkt überholt ein Flutschbegriff im Jahr 2017 alle anderen auf der rechten Spur, möchte ich meinen. Oder fällt Ihnen etwa nichts ein, wenn im Meetingraum das Wort »Digitalisierung« rumgereicht wird? Alle Welt sprach 2017 darüber, die Cover der Wirtschafts- und Managementmagazine waren gepflastert mit »digitalen« Fragestellungen und Ratschlägen, die Digitalisierung das Sorgenthema Nummer eins der Nation. Und ja, so gesehen ist »Digitalisierung« tatsächlich auch ein Unwort für mich. Eines, das ich nicht mehr hören kann, weil es wohl zum inhaltsleersten von allen verkommen ist.

Alt gedacht

Obwohl das »Problem« der Digitalisierung trotz aller gestarteten Initiativen und Kampagnen nicht vaporisiert ist, gehen zahllose Unternehmen die Flutschbegriffe auf den hinteren Rängen doch exakt genauso an wie die digitale Frage. Sie haben keine Scheu, ein neues Thema mit altem Denken zu implizieren.

Dann haben sie vielleicht ein agiles Team, schön. Und als Nächstes legen sie einen Projektplan fest und setzen den Abteilungsleiter auch noch als Product Owner ein, denn zulassen, dass sich die Mitarbeiter alleine organisieren …? Nun, so weit »sind wir bei uns noch nicht«, dass das klappen würde.

Hier fehlt es also gar nicht an Umsetzungsenergie. Es braucht keine weitere Initiative, kein weiteres Maßnahmenpaket, mit denen Unternehmen Innovation spielen und gleichzeitig echten Fortschritt verhindern. Nein, damit Ideen gar nicht erst zu Flutschbegriffen und Unwörtern mutieren, muss nicht mehr gemacht, sondern wirksamer gedacht werden.

Ich bin deshalb kein Freund von agilen Initiativen und Vertrauenskampagnen. Ich wünsche mir für 2018 sogar viel weniger von diesem »Machergeist«. Denn Unternehmer und Führungskräfte, die fordern, mehr zu »machen« statt nur zu reden, behaupten damit, dass sie schon genug nachgedacht hätten. Wenn aber etwas wahrhaft Neues entstehen und in die Management-Landschaft implementiert werden soll, funktioniert das nicht ohne wirksames Denken. Unternehmen müssten sogar viel tiefgehender nachdenken über die Begriffe, die sie sich auf die Fahnen schreiben. Damit sie erkennen können, welche Substanz dahintersteckt.

Und wäre diese Erkenntnis erst da, könnten Sie gar nicht mehr verhindern, dass das Handeln sich entsprechend verändert. Dass Ihre CEOs achtsam führen, dass Ihre Organisation agil arbeitet oder dass Ihre Mitarbeiter sich selbst organisieren, ohne dass Ihnen jemand sagt, was sie tun sollen.