InterviewBlendle – neue Welt mit guten Artikeln

Blendle-Team
Sehen so die Retter des Journalismus aus? Marten Blankesteijn (2.v.r.) und sein Team – Foto: Leonard Fäustel

Das niederländischer Start-up Blendle startet im Sommer seinen Dienst in Deutschland. Manche sehen darin bereits das iTunes für Journalismus, das die Branche umwälzen könnte. Im Interview erzählt Gründer Marten Blankesteijn, was man von der Zerstörungskraft der Digitalisierung in der Medienbranche lernen kann.


Capital: Wie kamen Sie auf die Idee, einen digitalen Kiosk für Zeitungsartikel zu starten?

Marten Blankesteijn: Ich war selber Journalist. Niemand bezahlt für Artikel und ich habe mich gefragt, wer mein Gehalt in 20 Jahren zahlen soll? Bei mir selber habe ich festgestellt, dass ich am Kiosk zwar gute Artikel in einzelnen Magazine gesehen habe, aber mir selten das ganze Heft gekauft habe. Ich sah eine gute Fußball-Story aber hatte keine Lust auf ein 100-Seiten-Fußball-Heft. Man findet viele interessante Geschichten für Männer in Frauenmagazinen. Aber Männer würden niemals so ein Magazin kaufen.

Sie zerlegen das Produkt Zeitung in seine Einzelteile…

Es gibt doch drei Gruppen von Lesern. Es gibt die Abonnenten, die Fans von einem Magazin sind. Mit denen haben Verlage kein Problem, das läuft. Dann haben vor langer Zeit die Verlage gemerkt, dass es Leute gibt, die nur ab und zu ein Heft kaufen wollen. Also wurde der Zeitungsstand erfunden. Ich sage nun: Es gibt noch eine dritte Gruppe. Nämlich die, die nur ab und zu mal einzelne Artikel lesen wollen. Denen ist egal wo die Artikel herkommen. Die kennen vielleicht noch nicht einmal das Magazin, aus dem der Artikel ist. Warum sollte man mit dieser Gruppe nicht auch ein bisschen Geld verdienen? Diese Gruppe ist tatsächlich unglaublich groß.

Es gibt viele Leute, die seit langem über genau so etwas nachdenken. Warum funktioniert es nun ausgerechnet bei Ihnen in den Niederlanden?

Wir waren nach unserem Launch vor gut einem Jahr im Fernsehen. Danach habe ich gut hundert Mails bekommen von Leuten, die sagten: Ich hatte genau diese Idee! Aber die Ausführung ist eben noch wichtiger als die Idee. Man muss genügend Verlage an Bord bekommen. Dann muss man flexibel genug sein, um die Idee immer wieder zu verändern. Und man darf nicht zu früh aufgeben. Ohne den größten Verlag in Holland hätten wir keine Chance gehabt. Am Anfang wollte sich deren CEO aber nicht mit uns treffen. Also haben wir Monate lang die ganzen Chefredakteure aus seinem Haus getroffen unser Produkt vorgestellt, in der Hoffnung, dass sie dem CEO davon erzählen würden.

Sie haben ihn also eingekreist, bis er sich treffen wollte…

Ja, und dann hat er nach 30 oder 45 Minuten gesagt: Ok, lasst es uns versuchen. Wir sind den holländischen Verlagen wirklich dankbar dafür. Ohne die hätte es nicht funktioniert.

Geld-zurück-Funktion

Die Nutzererfahrung ist bei so einem Produkt entscheidend. Haben Sie sehr viel getestet am Anfang?

Wir haben nicht so viel darüber nachgedacht, wie man damit Geld verdient, sondern vor allem, wie das Produkt am besten funktionieren sollte. Wir sind dabei von unserem eigenen Bedürfnis ausgegangen.

Eine Herangehensweise wie man sie von Firmen aus dem Silicon Valley kennt. Hat man in der Zeitungsbranche ein wenig vergessen, das Produkt zu optimieren und wirklich nah am Leser zu sein?

Es ist einfach extrem wichtig darüber nachzudenken, was die Leute wirklich wollen. Zum Beispiel haben wir eine Geld-zurück-Funktion, wenn man den Artikel nicht interessant findet. Ein Verleger hätte von sich aus so etwas nicht mit eingebaut. Es war schwer sie zu überzeugen. Obwohl es überall im Internet sehr gut funktioniert.

Wie viele Leute benutzen diese Funktion bei Ihnen?

Es gibt zwei Gruppen. Man kann das Geld zurückbekommen, nachdem man den Artikel gelesen hat – das nutzen fünf Prozent. Und man kann ihn nach zehn Sekunden Lesezeit zurückgeben, das machen weitere fünf Prozent.

Waren Sie nicht unsicher, so etwas einzubauen?

Ich war mir sicher, dass es funktioniert. Und wenn nicht, wenn tatsächlich alle nach der ersten Woche alle Artikel zurückgegeben hätten, dann wäre es super einfach gewesen, die Funktion zu ändern. Wenn man sehr viel Angst vor etwas hat, sollte man es erst recht machen.