Gastbeitrag9 Thesen zur Zukunft der Arbeit

Coworking-Space und Begegnungsräume im Gemeinschaftsbürohaus
Coworking-Space und Begegnungsräume im Gemeinschaftsbürohaus "Smartvillage" in Münchendpa

Während wir über die letzten zwei Monate in New York nachdenken, kommen wir uns ein bisschen vor wie drei ältere Damen, die es einfach nicht fassen können, wie schnell die Zeit vergangen ist. Zwei Monate, um der Zukunft der Arbeit auf die Spur zu kommen, sind kurz – aber nicht zu kurz: Wir haben unglaublich tolle Menschen kennengelernt, die uns inspirierten und faszinierten. Einige sind mutig und unerschrocken, andere total entspannt und gelassen. Manche könnten auch Texter für Grußkarten sein, so druckreif waren ihre Berufstipps. Besonders auffällig: Niemand hatte Angst vor der Zukunft der Arbeit oder davor, aufgrund der Digitalisierung bald den Job zu verlieren.

Was wir dabei alles gelernt haben? Neben der gesamten technischen Umsetzung des Blogs, der Produktion aller Inhalte wie Texte, Fotos, Podcast und Film sowie der Vertiefung unserer journalistischen Kenntnisse, ging es uns natürlich vor allem um das Thema Zukunft der Arbeit. Hier kommt unser Fazit – verpackt in neun Thesen:

#1 Selbstdisziplin ist DIE Disziplin der Zukunft

Vernetzter, digitaler, schneller – unsere Arbeitsweise verändert sich rapide. Unternehmen motivieren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Gewinnbeteiligungen und machen sie damit selbst zu Unternehmerinnen und Unternehmern. Neue Arbeitsmodelle rücken selbstständiges Arbeiten in den Fokus und statt einer Festanstellung gibt es vermehrt Zeit- und Projektverträge. Dadurch wird Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mehr Verantwortung übertragen, das Stresslevel und der Druck steigen. Da man von überall arbeiten kann, müssen wir lernen, uns selbst zu disziplinieren: Einerseits mit der Arbeit zu beginnen und sie durchzuziehen. Andererseits aber ebenso mit der Arbeit aufzuhören. Andernfalls, so sehen wir es zumindest, entsteht ein Verhältnis zur Arbeit, das auf lange Sicht krank machen kann.

#2 Wer beruflich weiterkommen will, braucht Mentoren

Wir wollen uns in Zukunft nicht als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer durch die Arbeitswelt schlagen (auch wenn unserer Generation diesbezüglich ganz gerne mal in Verdacht steht). In der zukünftigen Arbeitswelt wird es vielmehr darum gehen, von Vorbildern zu lernen und Vorbild zu sein. Auch wenn auf den ersten Blick vor allem Mentees von dem Programm profitieren, geht das Konzept von einem gegenseitigen Geben und Nehmen aus. Mentorinnen und Mentoren bekommen frische Impulse, finden qualifizierten Nachwuchs und reflektieren das eigene Arbeiten. Die USA sind uns hier schon einen Schritt voraus: Es gibt viele Mentorenprogramme und Feedback ohne Gegenleistung. Vor allem unsere Generation wünscht sich genau das, findet aber selten Förderer. Wie schade – für beide Seiten!

#3 „Du bist niemals fertig“: Lebenslanges Lernen und Wissensweitergabe sind essentiell für den Erfolg

Der Begriff „Silodenken“ klingt sperrig – und, Überraschung, er ist es auch: Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nur in ihrem eigenen Bereich nach Lösungen suchen und ihr Wissen vor anderen abschirmen, hemmt das Innovationen und ist kostenintensiv. Eine Denkweise, die sowohl Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern als auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern auf lange Sicht schadet. Dabei brauchen wir bereichsübergreifendes Denken mehr denn je: Es gibt nicht mehr das eine Handbuch für einen Beruf, das über Jahre hinweg unverändert bleibt. Ganz im Gegenteil: Wer dauerhaft erfolgreich sein will, darf nicht aufhören zu lernen und muss sich stetig weiterentwickeln. Das muss aber nicht allein geschehen. Wissen sollte stattdessen weitergegeben werden – von alt zu jung und von jung zu alt.

#4 Die Zukunft der Arbeit beginnt nicht erst am Arbeitsplatz, sondern in der Schule und an der Universität

Auf dieses lebenslange Lernen stellt sich unser Bildungssystem in Deutschland bisher noch nicht ein. Nach dem Abschluss fängt man entweder eine Ausbildung oder ein Studium an und legt sich damit auf einen Bereich fest. Diese geradlinigen Bildungswege halten wir nicht für zukunftsfähig. Wer möglichst gut auf Veränderungen reagieren will, muss flexibel sein: Was die Arbeitsweise und das Wissensrepertoire angeht. Ein Ansatz wäre es, Schülern, Studierenden und Auszubildenden zu ermöglichen, viele unterschiedliche Dinge zu lernen, ohne sich auf konkrete Fächer festlegen zu müssen.

#5 Unternehmen müssen Bewerbern mehr bieten als nur einen Arbeitsplatz

Fun Force, Kicker und Schwimmbad im Gebäude – alles schön und gut. Um als Unternehmen attraktiv zu sein, reicht das aber noch lange nicht aus. Beschäftigte langfristig zu halten, ist schwer und erfordert viel Arbeit. Was dabei hilft: Werte im Unternehmen tatsächlich leben, statt sie nur auf der Website aufzulisten. Das ist nämlich viel schwieriger, als einen Obstkorb zu bestellen. In unseren Instagram-Umfragen und in Gesprächen haben wir herausgefunden, was viele wirklich von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern erwarten: Vor allem Flexibilität. Einige wünschen sich aber auch einen offenen und konstruktiven Umgang mit individuellen Angelegenheiten, wie zum Beispiel der Pflege von Angehörigen. Sie wollen sich einbringen, Zeit für Fortbildungen haben, einen Betriebsrat, sowie eine konstruktive Feedback- und Fehlerkultur. Und ganz wichtig: Wertschätzung.

#6 Scheitern, Quereinstieg, Offenheit für Veränderungen – hier sehen wir für Deutschland noch Potenzial

„Fehler sind Lernerfahrungen und Scheitern ist Teil des Erfolgs.“ Was sich nach einem Kalenderspruch anhört, ist tatsächlich das Mantra der meisten Menschen, die wir in New York getroffen haben. Vielleicht kommt daher auch der erfrischende Optimismus, der uns Deutschen an mancher Stelle fehlt. Diese Art zu denken, nimmt den allgemeinen Druck zum Perfektionismus in allen Lebenslagen. Auch die positive Einstellung vieler Amerikanerinnen und Amerikaner zum Thema Quereinstieg könnte von Deutschen gerne adaptiert werden – indem man einfach nicht mehr auf geradlinige Lebensläufe pocht. Denn nur, weil jemand kein Personalwesen studiert hat, heißt es nicht, dass man sich nicht in die Thematik einarbeiten kann.

#7 Eigenlob stinkt nicht

Im ersten Moment klingt Eigenlob oder Selbstdarstellung vor allem nach Ellenbogenmentalität und Schaumschlägerei. Warum eigentlich? Gute Eigen-PR stärkt das Selbstbewusstsein und dient dazu, sich seinen Fähigkeiten bewusst zu werden. Klar ist aber auch, dass dahinter natürlich echte Leistung stehen muss. So ist das mit jedem langfristig erfolgreichen Produkt: Es muss gut sein und gut vermarktet werden. Unsere Arbeitswelt wird in Zukunft noch flexibler und es kommen stetig neue Jobs hinzu. Umso wichtiger ist es, sich über die eigenen Fähigkeiten und seinen „Marktwert“ klar zu werden. Nur wer sich selbst wertschätzt, kann auf sich und seine Ressourcen achtgeben – und diese Fähigkeit brauchen wir mit Blick auf die Zukunft der Arbeit auf jeden Fall.

#8 Sowohl modernste Technologien als auch eine neue Generation revolutionieren den Arbeitsmarkt

Der Koloss „Arbeitswelt“ verändert sich im Moment so rapide, wie kaum zuvor. Zum einen erobert mit den Millennials und der Generation Y gerade eine neue Generation die Arbeitswelt. Mit ihnen entstehen Forderungen nach neuen Arbeitsumfeldern und -bedingungen. Zeitgleich gibt es aber noch die „alten Eisen“ in Unternehmen. Zum anderen verändern Technologien wie Augmented- und Virtual- Reality, Roboter und künstliche Intelligenz nicht nur die Fertigungsweisen von Produkten, sondern auch die Art und Weise, wie Mensch und Maschine in Zukunft zusammenarbeiten werden. Diese Veränderungen können überfordern. Nicht zuletzt, weil man von gelernten Methoden abweichen, Neues wagen und dabei Fehler in Kauf nehmen muss.

#9 Genauso wenig, wie es einen Traumpartner gibt, gibt es einen Traumjob

Den einen Traumpartner oder die Traumpartnerin gibt es nicht, egal was Nicholas Sparks uns erzählt (Sorry!). Genauso wenig gibt es DEN einen Traumjob, der uns glücklich machen wird. Das ist auch gut so! Wenn die meisten von uns eine Sache nicht machen werden, dann wohl irgendwo 20-jähriges Firmenjubiläum zu feiern. Wer sich auf Jobportalen umschaut, wird feststellen, dass einem die Hälfte der Jobtitel unbekannt sind. Der Grund: Stetig entstehen neue Berufsfelder. Sich auf einen „Traumjob“ einzuschießen, ist daher ungefähr genauso schlau, wie seinem dreijährigen Kind vorsorglich ein Outfit für die Abifeier zu kaufen. Zukünftig werden wir Jobs danach auswählen, was uns in dem Moment herausfordert – und sie deshalb auch öfter mal wechseln.

Die „Zukunft der Arbeit“ steht bei nahezu jedem Unternehmen auf der Agenda

Unternehmenszentralen werden so umgebaut, dass die Beschäftigten innovativer arbeiten können und es entstehen ganze Abteilungen, die sich ausschließlich diesem Thema widmen. Anders ist das im privaten Umfeld, dort wird das Thema eher ausgespart. Das ist zumindest unsere persönliche Erfahrung – aber auch die unserer Interviewpartnerinnen und -partner. Wir finden, dass sich das ändern muss. Wer mitentscheiden will, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und werden, muss sich am Diskurs beteiligen. Mit Schichtwechsel.blog wollten wir unseren Beitrag dazu leisten.

Wie aber soll dieser Diskurs aussehen? In den USA ist die Mentalität diesbezüglich aus unserer Sicht etwas anders, als in Deutschland: In den USA fragen sich die Menschen eher, was die Zukunft der Arbeit zu bieten hat, in Deutschland, was den Menschen zukünftig weggenommen wird. Auf der einen Seite sind diese kritischen Stimmen unverzichtbar. Auf der anderen Seite heißt ein optimistischer Blickwinkel nicht, dass man deswegen alle Entwicklungen als förderlich ansieht. Genau deswegen brauchen wir einen Diskurs zwischen Optimisten, Realisten und Pessimisten. Einen offenen Dialog über Forderungen, Wünsche und Ängste. Wir brauchen genau JETZT eine Auseinandersetzung mit dem Thema, die zwar kritisch und realistisch ist, aber dennoch Chancen erkennt.