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Karriere „Erfolgreiche Persönlichkeiten halten sich oft nicht an Regeln“

Julien Backhaus sitzt an einem Holztisch in einem holzvertäfelten Meeting-Raum
Julien Backhaus ist Medienunternehmer, Verleger und Autor
© PR
In seinem neusten Buch „Bullshit Rules“ schreibt Julien Backhaus von Lebensweisheiten, die dem Erfolg im Weg stehen. Wie er dazu kam, bestimmte Glaubenssätze zu hinterfragen und von wem er besonders viel gelernt hat, erzählt er im Interview

Herr Backhaus, Sie haben ein ganzes Buch über sinnlose Weisheiten geschrieben. Gibt es auch eine Weisheit, an die Sie noch glauben?

JULIEN BACKHAUS: Das ist definitiv der Satz: „Wissen ist Macht“. Wissen hilft uns dabei, unsere Ziele zu erreichen. Fleiß allein reicht nicht. Wenn ich den ganzen Tag das Falsche tue, dann bringen mir auch zehn Jahre harte Arbeit nichts. Deshalb ist es ein sehr wichtiger Karriereschlüssel, regelmäßig Wissen aufzubauen und zu vertiefen. Nach dem Studium fängt das Lernen erst richtig an. Ich glaube, die meisten sind da große Versager und hören nach der Ausbildung auf zu lernen. Aber das scheint sich langsam zu ändern.

Von wem haben Sie persönlich besonders viel gelernt?

Mein Treffen mit Dieter Bohlen hat mich sehr beeindruckt. Er hat bekräftigt, wie wichtig es ist, seine Talente auszubauen. Irgendwann trennt sich die Spreu vom Weizen, wenn die Talentierten auch kompetent werden, indem sie diszipliniert an sich arbeiten. Ich habe ihn dann auch gefragt, warum er so hart mit den Leuten beim Casting ins Gericht geht. Seine Antwort: Das Show-Geschäft ist das härteste der Welt. Wenn die meine zwei, drei blöden Sprüche nicht abkönnen, gehören sie da nicht hin. Da muss ich ihm Recht geben.

Zu wissen, wo die eigenen Talente liegen, ist nicht immer ganz einfach. Was würden Sie Leuten empfehlen, die hier noch auf der Suche sind?

Oftmals liegen unsere Leidenschaften in den Dingen, die wir sehr gut können und ich glaube, dass jeder im tiefsten Inneren weiß, was er liebt. Aber die meisten trauen sich nicht, das zu ihrem Beruf zu machen. Es gibt aber auch Übungen, die einem dabei helfen können, die eigenen Leidenschaften zu erkennen. Was kann ich gut, was nicht, wofür werde ich gelobt, wofür kritisiert, was tue ich gerne? Aber die meisten Menschen haben sich diese Fragen nie ernsthaft gestellt.

Wie hat das bei Ihnen funktioniert?

Ich habe sehr früh das Buch „Ziele“ von Brian Tracy in die Finger bekommen. Damit habe ich mich damals auf eine Parkbank gesetzt und bin erst wieder aufgestanden, als ich damit fertig war. Da war es bereits mitten in der Nacht. Zum Glück stand die Bank unter einer Laterne. Durch das Buch habe ich einen wertebasierten Stufenprozess kennengelernt, durch den man seine Leidenschaften definieren kann. Daraus wiederum kann man große Ziele für Leben und Karriere formulieren. Die bricht man dann in Jahresziele herunter und aus denen ergeben sich tägliche Aufgaben. So wurde das komplette Thema Erfolg greifbar und vor allem schaffbar. 

Wann kam Ihnen der Gedanke, bestimmte Lebensweisheiten zu hinterfragen?

Ich habe mich mit 18 Jahren ohne Kapital und Startup-Philosophie mit einer kleinen Medienagentur selbstständig gemacht. Parallel zu meiner Arbeit habe ich schon früh angefangen, Bücher von erfolgreichen Persönlichkeiten zu lesen und schnell gemerkt, dass die sich oft nicht an die Regeln halten, die mir von meinem Umfeld beigebracht wurden. So kam ich dazu, zu hinterfragen, ob diese Regeln meinem Erfolg wirklich dienlich sind.

Was ist die unnötigste Lebensweisheit, die Sie je gehört haben – und warum?

„Abwarten und Tee trinken“ ist einer der schlimmsten Ratschläge, weil man dann viele Chancen verpasst. Außerdem kann man nicht auf der Stelle stehen. Während ich warte, bewegen sich alle anderen weiter. Im internationalen Wettbewerb ziehen die BRICS-Staaten an uns vorbei und wir stehen am Spielfeldrand, gucken zu und glauben, wir könnten irgendwann wieder auf den Zug aufspringen – das ist natürlich ein Irrglaube.

Gibt es eine unsinnige Lebensweisheit zum Umgang mit den eigenen Fehlern?

„Mach keinen Fehler zweimal“ halte ich für völlig falsch. Ich glaube nicht, dass jemand erfolgreiches wirklich nach dieser Maxime lebt. Fehler macht man immer mehrmals und besonders bei Innovationen. Ein gutes Beispiel dafür ist Elon Musk. Er wollte Raketen bauen, die wieder landen können, um sie zu mehrmals zu benutzen und damit die Kosten für einen Flug zu senken. Davon hat ihm technisch jeder abgeraten. Am Anfang ist ihm eine Rakete nach der anderen explodiert und es schien absurd es immer weiter zu versuchen. Musk war jedoch von seiner Idee überzeugt und hat mit „Trial and Error“ sein Ziel schließlich erreicht. Dafür musste er sich gegen die „Mach-keinen-Fehler-Zweimal“-Haltung durchsetzen.

Auf welche Weisheit sollten Berufsanfänger auf keinen Fall reinfallen?

„Höre auf Menschen mit Erfahrung“ ist, so formuliert, kein guter Ratschlag. Es gibt Menschen, die 30 Jahre lang in ihrem Beruf nichts auf die Reihe gekriegt haben. Deshalb muss ich immer schauen, von wem der Ratschlag kommt. Und auch erfahrene Menschen können sich irren. Beispielsweise hat Martin Winterkorn noch vor 5 Jahren gesagt, Batteriefabriken seien völliger Humbug. Die Entwicklungen scheinen ihn widerlegt zu haben. Ich bin also immer vorsichtig, Ratschläge von Leuten anzunehmen.

Welche „falschen Lebensweisheiten“ haben Sie am Anfang Ihrer Karriere befolgt?

Am Anfang habe ich den Egoismus meiner Mitarbeiter nicht in meine Führung miteinbezogen und musste lernen auf ihre finanziellen und psychologischen Wünsche einzugehen und ihnen den Raum zu geben, sich auch in andere Richtung weiterzuentwickeln. Nicht jeder bewirbt sich auf die richtige Stelle und es kann sich im Arbeitsalltag herausstellen, dass Mitarbeiter viel wertvollere Fähigkeiten haben als die, die sie in ihrem Job ausüben. Das habe ich am Anfang nicht gemacht und viele Leute sind gegangen, weil sie sich einfach nicht verstanden gefühlt haben.

Gab es auch eine obsolete Lebensweisheit, die sie lange nicht loslassen konnten?

„Rede nur, wenn du gefragt wirst“ – ich habe irgendwann gelernt, dass ich mich durch Fragen auch an Gesprächen beteiligen kann, bei denen ich mich thematisch nicht gut auskenne. Dadurch habe ich viel gelernt und das hat mir in meiner Karriere sehr geholfen.  Man ist erstaunt, wie viel man doch nochmal gebrauchen kann und wenn es nur beim nächsten Small-Talk ist.


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