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Karriere Warum Sie Ihren Job spätestens nach zehn Jahren kündigen sollten

Nach zehn Jahren tut eine Veränderung im Job gut
Nach zehn Jahren tut eine Veränderung im Job gut
© IMAGO / Westend61
Ihr Beruf langweilt Sie? Dann wechseln Sie den Job – oder am besten gleich die Branche! Warum das sinnvoll ist – und wie es gelingen kann

Den Herbst 2021 verbrachte Greg Wilson überwiegend hinter seinem Laptop – während seine Frau und Kinder in den Zoo oder auf einen Spielplatz in der Nähe seines Hauses in St. Louis gingen. Wenn sie nach Stunden munter und glücklich zurückkehrten, wurde Wilson neidisch. „Sie hatten jeden Tag Spaß und ich wollte daran teilhaben“, sagt der 43-Jährige. Aber als Programmmanager bei einem großen Finanzmakler, konnte Wilson sich keine Auszeit gönnen. Als Mittzwanziger hatte er seine Karriere in dem Bereich begonnen. Im November letzten Jahres kündigte Wilson – und begann, einen Lifestyle-Blog zu schreiben.

Wilson sei genau zum richtigen Zeitpunkt unruhig geworden, sagt Managementprofessorin Allison Gabriel von der University of Arizona in Tucson. Sie gehört zu jener stetig wachsenden Gruppe von Experten, die für eine Neudefinition des Konzepts „Karriere“ werben: als etwas, bei dem man ungefähr zehn Jahre in einem Feld verbringt, dann seine Situation neu bewertet und sich gegebenenfalls umorientiert. „Wir beobachten, dass mehr und mehr Menschen nach zehn oder mehr Jahren in ihrer Karriere entscheiden, dass sie etwas völlig Neues ausprobieren wollen“, sagt sie.

Eine Überraschung ist das nicht. Wer seine Rolle im Leben ändert – etwas als frischgebackener Ehepartner, als Eltern oder Hausbesitzer –, neigt dazu, seine Bedürfnisse und Ziele neu zu bewerten, sagt Gabriel. Gleichzeitig fördere die menschliche Psychologie den Wandel: Nachteile würden tendenziell überbetont und die Arrangements, die einst aufregend waren, würden tendenziell immer weniger zufriedenstellend angesehen. In letzter Zeit haben diese Überlegungen überhand genommen, da die Pandemie Arbeitnehmern reichlich Zeit schenkte, um über ihre Werte, Interessen und Zufriedenheit nachzudenken.

Gabriel rät, den Impuls zu ignorieren, auf einen Schlag alles umwerfen zu wollen, denn „so kommt man von der großen Resignation zum großen Bedauern“. Die Forschung zeige, dass das eigene Umfeld – von Freunden bis hin zu geopolitischen Ereignissen – die Gefühle in Bezug auf die Karriere stark beeinflussen kann, daher ist es wichtig zu verstehen, was die Unzufriedenheit motiviert. Gabriel schlägt „Job Crafting“ vor, das heißt, die Anpassung der derzeitigen Rolle an die eigenen Ziele. Ein Bürojob auf mittlerer Ebene kann zum Beispiel als Sprungbrett zu einer Position im Projektmanagement uminterpretiert werden, indem man, wann immer möglich, Führungsaufgaben übernimmt. „Oft kann man auch die Art der Menschen, mit denen man es zu tun hat, ändern oder man baut neue Beziehungen auf“, sagt sie. Alles in allem können diese Veränderungen dazu führen, dass die Arbeit anders wahrgenommen wird.

Kontaktliste erweitern

Wer danach immer noch unruhig ist, dem rät Paul French, Geschäftsführer des Personalvermittlers Intrinsic Executive Search, alle zehn Jahre einen größeren Wechsel in Betracht zu ziehen. „Die Vorteile überwiegen die Nachteile“, sagt er. Er empfiehlt, in eine dynamische Branche zu wechseln, was zu einer Gehaltserhöhung führen kann und gleichzeitig die beruflichen Netzwerke stärkt. „Um erfolgreich zu sein, müssen Sie Ihre Kontaktliste erweitern, und ein Karrierewechsel ist eine der besten Möglichkeiten, dies zu tun.“

French rät dazu, sich die Zeit zu nehmen, neue Fähigkeiten zu erwerben, sei es online, in der Bibliothek oder an der Uni – eine Strategie, die auch Menschen empfehlen, die sich erfolgreich verändert haben. Will Hailer, geschäftsführender Partner bei EStVentures.com in Washington, D.C., gab eine mehr als zehnjährige Karriere in der Politik auf, um ins Risikokapitalgeschäft einzusteigen. Er bereitete sich darauf vor, indem er viel las, sich Mentoren suchte und seine eigenen Fähigkeiten schonungslos analysierte. „Identifizieren Sie, welche Schwächen Sie mitbringen, und arbeiten Sie fleißig daran, diese Lücken zu schließen“, sagt er.

Viele Menschen ziehen einen Wechsel in Erwägung, weil sich höhere Positionen oft weniger erfüllend als erhofft erweisen. Führungsaufgaben führen dazu, dass man sich mehr und mehr von jenen praktischen Tätigkeiten entfernt, die einen ursprünglich in den Beruf gelockt haben. „Je höher ich aufstieg, desto mehr Zeit verbrachte ich mit Politik und damit herauszufinden, warum Dinge nicht erledigt wurden“, sagt Wilson, der ehemalige Brokerage-Manager. „Und das ist nicht das, was ich will.“

All das kann dazu führen, dass man das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Doch Unwohlsein zu erkennen, sei eigentlich ein gutes Zeichen, sagt Nitya Chawla, Assistenzprofessorin an der Mays Business School der Texas A&M University. „In der Mitte der Karriere lernt man nicht mehr so viel und wird nicht mehr so oft befördert, und die eigenen Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten können stagnieren“, sagt sie. Chawla findet, dass man diese Gefühle nicht abwarten sollte, vor allem, wenn sich die Arbeit wie eine lästige Pflicht und finanzielle Verantwortung anfühlt. Sie schlägt vor, sich für Unternehmen zu entscheiden, die mit den eigenen Werten übereinstimmen, denn den meisten Menschen geht es besser, wenn sie in ihrer Rolle und in ihrem Unternehmen einen Sinn sehen. „Es ist wichtig, seinen Job zu wechseln“, sagt sie. „Letztlich wollen die Unternehmen das auch, denn unmotivierte Mitarbeiter sind weniger produktiv und weniger gesund, sowohl physisch als auch psychisch.“

Wilson befolgte schließlich den Rat eines befreundeten Unternehmers, der ihm dringend empfahl, einen Karriereweg einzuschlagen, der sowohl Engagement als auch umfangreiches Lernen erforderte. Wilson verwarf seine Pläne, an frühere Unternehmungen anzuknüpfen, und kaufte stattdessen ChaChingQueen.com, einen Lifestyle-Blog über ein sparsames Leben. Bis jetzt läuft es gut, sagt er, und so rät er anderen, den Sprung zu wagen. Immerhin gebe es ja ein Sicherheitsnetz: „Wenn das, was Sie tun, scheitert“, sagt Wilson, „können Sie einfach zu Ihrer alten Karriere zurückkehren.“

© 2022 Bloomberg L.P.


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