ImmobilienWarum Deutschland auf eine „graue Wohnungsnot“ zusteuert

Bau von Mietwohnungen in Berlin. Insgesamt entsteht zu wenig Wohnraum – insbesondere für Senioren
Bau von Mietwohnungen in Berlin. Insgesamt entsteht zu wenig Wohnraum – insbesondere für Seniorendpa

Kaum ein Ort ist mit so vielen Emotionen verbunden wie das eigene Zuhause. Das ehemalige Kinderzimmer mit den Resten der Klebestreifen an den Wänden, mit denen die Tochter Poster ihrer Lieblingsbands befestigt hat. Die hochgewachsenen Rhododendren im Garten. Der zerknautschte Lieblingssessel des verstorbenen Ehemanns. Es überrascht wenig, dass viele Senioren diese vertraute Umgebung nicht verlassen möchten. Immer häufiger bleibt ihnen aber nichts anderes übrig.

Nur fünf Prozent der Älteren wohnen bereits in altersgerechten Wohnungen, zeigen Zahlen des Sozialverbandes VdK Deutschland. Fordern Krankheit und Alter ihren Tribut, bleibt vielen Menschen also nur der barrierefreie Umbau – oder sie müssen sich schweren Herzens nach einer Alternative umsehen. Ein barrierefreier Umbau kostet in Deutschland rund 16.000 Euro. So viel Geld haben immer weniger Senioren in Deutschland zur Verfügung.

Forscher erwarten Umzugswelle von Senioren

Noch sind es erst drei Prozent aller Rentner, die ihre Rente vom Staat aufstocken lassen, weil das Geld nicht zum Leben reicht. Bis zum Jahr 2040 dürfte der Anteil der Ruheständler, die staatliche Unterstützung brauchen, aber auf mehr als 25 Prozent steigen, rechnet das Hannoversche Pestel-Institut in seiner aktuellen Studie „Wohnen in der Altersgruppe 65Plus“ vor. „Für die Senioren von morgen wird es finanziell eng. Das gilt besonders für die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre“, sagt Matthias Günther, Vorstand des Pestel-Instituts.

Das Fazit der Wissenschaftler: Die Mehrheit der Menschen wird im Alter ihr Heim verlassen und in deutlich kleinere Wohnungen umziehen müssen. In ihrer Studie gehen die Forscher davon aus, dass es in wenigen Jahren zu einer regelrechten Umzugswelle unter Senioren kommen wird.

In der Praxis gestaltet sich ein Umzug im Alter jedoch schwierig. Meist scheitert er an den Mietkosten, weiß Pestel-Vorstand Günther. „In der Regel finden Senioren keine kleinere Wohnung für eine niedrigere Miete“, sagt er. Gerade in Großstädten sind Rentner daher oft gezwungen, nicht nur die Wohnung zu wechseln, sondern auch den Wohnort. Eine Studie des Sozialverbands Deutschland (SovD) aus dem vergangenen Jahr kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: „Armutsgefährdete und einkommensschwache Haushalte werden durch die Miete stark belastet, leben in kleineren Wohnungen und in unsicheren Verhältnissen wie zur Untermiete“, heißt es in dem Gutachten zu den Wohnverhältnissen in Deutschland.

Hoher Investitionsbedarf

Bundesweit müssten laut Pestel-Institut bis 2030 gut drei Millionen Wohnungen altersgerecht neu oder umgebaut werden, um eine „graue Wohnungsnot“ im Land zu verhindern. Zumindest bei den Neubauten ist der deutsche Immobilienmarkt von solchen Zahlen weit entfernt. Zwar hat die Zahl der Baugenehmigungen im vergangenen Jahr leicht angezogen. Laut Statistischem Bundesamt stieg ihre Zahl zwischen Januar und November 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 1,3 Prozent. Die Zahl der neu genehmigten Wohnungen lag damit bei rund 275.000. „Knapp die Hälfte dieser Genehmigungen entfällt aber auf neue und teure Eigentumswohnungen. Der Neubau von Mietwohnungen, insbesondere bezahlbaren Mietwohnungen, hinkt weit hinter dem Bedarf zurück“, sagt Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes.

Um die „graue Wohnungsnot“ in den Griff zu bekommen, müssen Politik und Unternehmen den altersgerechten Um- und Neubau von Wohnungen stärker fördern, schreiben die Wissenschaftler des Pestel-Instituts. Die großen Wohnungsbauunternehmen könnten beispielsweise mehr kleine Wohnungen für Senioren in ihrem heimischen Stadtteil anbieten, sagt Pestel-Vorstand Matthias Günther. Die Bundesregierung dagegen könnte den „grauen Wohnungsumbau“ mit Förderprogrammen und direkten Zuschüssen unterstützen.

Alles in allem müsste der Staat mindestens 500 Mio. Euro jährlich in die Hand nehmen, schätzt Günther. Für die Regierung könnte sich die Investition lohnen. „Barrierearme Wohnungen ermöglichen Menschen eine Pflege in den eigenen vier Wänden. Langfristig lassen sich dadurch Kosten im Gesundheitswesen sparen“, sagt Günther. Die stationäre Pflege ist im Jahr rund 8500 Euro teurer als die ambulante Pflege, zeigen Zahlen des Pestel-Instituts. Bei Kosten von 16.000 Euro pro Wohnung rechnet sich ein Umbau also schon dann, wenn sich der Heimaufenthalt dadurch um zwei Jahre nach hinten schieben lässt.