KolumneVorhang auf zum Immobilien-Sommertheater

Besetztes Haus in Kreuzberg
Wie kann man Wohnraum schaffen? Durch Hausbesetzungen, meint ein Linken-Politiker

Susanne Osadnik ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt an dieser Stelle über ImmobilienthemenSusanne Osadnik ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt an dieser Stelle über den Markt für Immobilien


Sommertheater: Jedes Jahr wieder. Politiker nutzen die vermeintlich nachrichtenarme Zeit, um sich mit ganz neuen Ideen zu profilieren. Auch das Thema „Wohnen“ eignet sich seit geraumer Zeit prima, um sich ins Gespräch zu bringen. In Bremen ersannen SPD und Grüne gemeinsam die glorreiche Variante, künftig den Kauf von Immobilien mit einer Grunderwerbsteuer von 19 Prozent zu belegen – das soll natürlich nur für professionelle Immobilienunternehmen gelten. Und das sind laut Definition Leute, die jährlich mehr als 50 Immobilien kaufen. Das Ganze ist eine Maßnahme zum Schutz vor sogenannten Immobilien-Heuschrecken und zum Wohl der Bürger, die unter teurem und mangelndem Wohnraum in der Hansestadt leiden.

Man durfte gespannt sein, ob diese Nummer noch zu toppen sein würde. Und siehe da, es ging noch besser. Da kam aus der politisch linken Ecke doch tatsächlich ein Vorschlag, der zwar ebenso dümmlich, aber dafür doch erheblich unterhaltsamer war: Marco Höne forderte lautstark die Legalisierung von Hausbesetzungen – per Pressemitteilung. Für den Parteivorstandsmitglied der Linken sind Hausbesetzungen „ein sinnvolles Werkzeug selbst organisierter Sozialpolitik“. Da, wo Politiker versagen und nicht für ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum sorgen, muss man sich eben selbst bedienen. Das Motto: Hilf´ Dir selbst, sonst hilft Dir keiner!

Schade, dass Herr Höne ganz vergessen hat, dass er selbst Politiker ist und durchaus die Möglichkeit hat, andere Wege zu beschreiten zur Beseitigung des Problems. Immobilienbesitzer müssen dazu nicht unbedingt enteignet werden, auch wenn das früher mal so gewesen ist. Und mal ehrlich: In der DDR mussten die Bürger trotzdem viele Jahre warten, bis sie eine Wohnung in einem Plattenbau  beziehen konnten. Zu wenig (moderner) Wohnraum – das ging auch ohne Kapitalisten und „Heuschrecken“.

einfallslose Namensgebung von neuen Stadtquartieren

Wie gut, dass es in diesem Sommer auch noch Immobilienthemen gab, die lesenswert und durchaus diskussionswürdig waren: Da bemängelt etwa Thomas Beyerle, Chefanalyst der Catella Gruppe, die gähnend einfallslose Namensgebung von neuen Stadtquartieren, Straßen oder Großprojekten, die Käufer mit Superlativ-Fantasie-Namen wie „High-end Urban Premium Luxury Tower Konzept“ anlocken wollen. Recht so, wenn die alle auf ihren Hütten sitzen bleiben.

Allein bei den zurzeit im Bau befindlichen Projekten taucht bundesweit 58 Mal die Bezeichnung „Gärten“ auf; 102 Mal der abgedroschene Begriff „Palais“ und immerhin 38 Mal sollen Käufer bei irgendwelchen „Terrassen“ zuschlagen. Dabei weiß man doch längst, dass Namen preisprägend und wertstiftend sind – das ist nicht nur beim Monopoly-Spiel so, wo jeder versucht, möglichst die „Parkstraße“ oder die „Schlossallee“ zu ergattern.

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Zwar haben Beyerle und sein Team keine Korrelation zwischen Straßennamen und deren Bodenwerten nachweisen können. Aber es dürfte doch klar sein, dass sich niemand darum reißt, in der „Tangabucht“, im „Prügelweg“ oder in der „Beamtenlaufbahn“ zu wohnen (die Straßennamen gibt es wirklich). Auch die Einfallslosigkeit der 70er- bis 90er-Jahre, in denen sämtliche Neubaugebiete mit Dichter-, Maler- und Musikernamen überflutet wurden, muss nicht wiederholt werden. Wer heutzutage eine Wohnung in einer neuen Stadt sucht und auf ein günstiges Angebot in der „Bosch-, Daimler- oder Siemensstraße“ findet, kann sicher sein, in einem Mischgebiet mit hohem Gewerbeanteil zu landen. Immerhin kann man sich schon ausmalen, was einen erwartet.

Namen sind Orientierung. Allein deshalb sollten sich Stadtväter und Immobilienentwickler ein bisschen mehr Mühe geben und über „Birkenweg“ und „Gartenstraße“ hinauskommen und sich auch nicht nur an männlichen historischen Größen abarbeiten („Friedrichstraße“, „Gaußweg“). Einige Städte verbieten inzwischen sogar per Verordnung die Vergabe weiterer männlicher Straßennamen zugunsten von weiblichen. Denn zurzeit kommen bundesweit noch 14 Männernamen auf einen weiblichen. Die aktuelle Nummer eins auf der Liste der weiblichen Wunschnamen ist „Elly Maria Frida Rosemeyer-Beinhorn“ – dafür bedürfte es schon eines ordentlich großen Straßenschildes. Aber das würde der tollkühnen Fliegerin aus den Vorkriegsjahren sicher gefallen. Halbe Sachen hat die Dame wohl nicht gemacht.