ZIA-Gutachten„Der Neubau wird in unserem Land völlig vernachlässigt“

Ein Radfahrer faehrt im Park am Gleisdreieck an neu gebauten Haeusern entlang
Ein Radfahrer faehrt im Park am Gleisdreieck an neu gebauten Haeusern entlangdpa

Die Immobilienpreise in Deutschland dürften weiter steigen. Zu diesem Ergebnis kommt der Rat der Immobilienweisen in seinem aktuellen Frühjahrsgutachten für den Zentralen Immobilienausschuss (ZIA), den Spitzenverband der Immobilienwirtschaft in Deutschland. Dabei ging es im vergangenen Jahr bereits einmal mehr kräftig aufwärts: Die Kaufpreise für Eigentumswohnungen kletterten um rund acht Prozent, berichten die Gutachter, zu denen Professoren, Konsumforscher, Immobilienanalysten und Vertreter von Immobilienunternehmen gehören. Auch die Durchschnittsmieten bei Neuverträgen legten zu. Sie stiegen im Jahresvergleich um 3,9 Prozent auf 7,06 Euro pro Quadratmeter. In Großstädten wie Berlin, Stuttgart und München verteuerten sie sich noch deutlich stärker.

Den Immobilienweisen zufolge wird sich der Aufwärtstrend im laufenden Jahr fortsetzen. Hauptgrund dafür ist das Ungleichgewicht auf dem Markt: Während die Nachfrage nach Wohnraum anzieht, hinkt das Wohnraum-Angebot hinterher, vor allem in Ballungszentren. Was Immobilieninvestoren freut, verursacht Mietern und Eigenheim-Interessenten zunehmend Kopfschmerzen. ZIA-Präsident Andreas Mattner fordert deshalb, dass deutlich mehr neuer Wohnraum entstehen soll. „Der Neubau wird in unserem Land völlig vernachlässigt“, sagt er.

Laut ZIA und Immobilienweisen trägt die Politik zumindest eine Teilschuld an dem rasanten Preisanstieg. So haben Maßnahmen wie das Baukindergeld nach Einschätzung der Experten den Aufwärtstrend noch befeuert. Das Baukindergeld werde oft auf den Verkaufspreis einer Immobilie oder eines Grundstücks umgelegt, erklären sie. Die Folge seien höhere Immobilien-, Bau- und Grundstückspreise. Auch die Sonderabschreibung für den Mietwohnungsbau, die sich die Bundesregierung überlegt hat, treibe die Preise in die Höhe. Die Mietpreisbremse schafft den Gutachtern zufolge keine Abhilfe, trotz einer Verschärfung zu Jahresbeginn. Tatsächlich zeigt die Mietpreisbremse nur unter bestimmten Bedingungen und in einzelnen Regionen einen Effekt, geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2018 hervor.

Vollvermietung bei Bürohäusern

Nicht nur Privatleute leiden unter dem ungebremsten Preisanstieg und dem immer knapperen Immobilien-Angebot. Viele Unternehmen haben inzwischen Probleme, Büros zu finden. An den Top-Standorten ist das Büroflächenangebot im vergangenen Jahr um rund 570.000 Quadratmeter Mietfläche geschrumpft. Die Leerstandsquote liegt in den A-Städten mittlerweile bei 3,4 Prozent. In 35 deutschen Büromärkten herrsche quasi Vollvermietung, sagt Andreas Schulten vom Analysehaus Bulwiengesa, der für das Frühjahrsgutachten die Entwicklung der Büro- und Unternehmensimmobilien unter die Lupe genommen hat. Besonders angespannt ist die Lage in München mit einer Leerstandsrate von gerade einmal 1,5 Prozent sowie in Berlin (1,7 Prozent), Stuttgart (2,2 Prozent) und Köln (2,8 Prozent).

Im laufenden Jahr dürfte sich die Lage quer durch die Bundesrepublik weiter verschärfen, prophezeit Schulten: „Trotz leicht steigender Fertigstellungsvolumina wird die hohe Nachfrage kaum zu bewältigen sein.“ Anders ausgedrückt: Die neu entstehenden Flächen reichen bei weitem nicht aus. „Die Situation in den Städten mit sehr geringem Angebotsvolumen dürfte sich 2019 noch stärker zuspitzen“, warnt der Analyst. Mehrere Städte müssten damit rechnen, dass Unternehmen abwandern – weil sie schlicht keine neuen Büroräume mehr finden.