ImmobilienBrexit-Fantasien am Immobilienmarkt

Blick auf Bankentürme in Londons Finanzviertel Canary Wharf
Nach dem EU-Votum wollen viele Banken Arbeitsplätze aus London abziehen

Susanne Osadnik ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt an dieser Stelle über ImmobilienthemenSusanne Osadnik ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt an dieser Stelle über den Markt für Immobilien


Die Briten haben von ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht und sich für ein Ausscheiden aus der Europäischen Union entschieden. Das mag man gut oder schlecht finden. Ein „Schock“ war es jedenfalls nicht. Wenn den meisten Politikern hierzulande die Gesichtszüge nach dem Volksentscheid entgleiten, sagt das viel über den mangelnden Realitätssinn der Regierenden aus. Immerhin stand es bis kurz vor dem Wahltag mehr oder weniger fifty-fifty. Und angesichts solcher Prognosen lag die Austrittswahrscheinlichkeit immerhin bei gut 50 Prozent. Shocking!

In der realen Welt der Immobilien ging man von Anfang anders damit um. Ob man auch besser gerüstet ist als die Politik, wird sich indes noch zeigen. Schon Monate vor der Abstimmung hielt sich die Wirtschaft mit Investitionen zurück und wartete ab. Denn eines war von Anfang an klar: Der Finanzplatz London würde wegen eines Brexits seine Stellung als Tor zu Europa verlieren – und die sündhaft überteuerten Immobilien in der britischen Metropole ihren Wert. Wenn sich vor allem asiatische und amerikanische Banken neue Standorte in Europa suchten, stünden innerhalb kurzer Zeit tausende Wohnungen und Büros leer.

Analysten gehen davon aus, dass in der City of London der Leerstand ruckzuck um mehr als zwölf Prozent ansteigen könnte. Diese Aussagen statt im Konjunktiv im Indikativ zu formulieren, traut sich zurzeit aber kaum jemand. Denn auch viele deutsche Fondsgesellschaften sind in London investiert und müssen langfristig heftige Defizite befürchten, weil sie Bürogebäude eben nicht mehr gewinnbringend verkaufen können. Da dürften viele Exitstrategien nicht mehr funktionieren.

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Ein unangenehmes Thema. Da spekuliert man lieber über die „positiven Folgen“ des Brexit für den Frankfurter Immobilienmarkt – auch wenn es die ohne die negativen Folgen für London gar nicht geben würde. Beispiel Frankfurt: Sollte sich die Mainmetropole als Bankenstandort auf dem Kontinent durchsetzen (die Europäische Zentralbank ist ja schon vor Ort) könnte das in der Tat gravierende Auswirkungen haben: Sollten nur zwei Prozent der Beschäftigten aus London nach Frankfurt umziehen, würde sich die Anzahl der Mitarbeiter in der Finanzbranche um elf Prozent erhöhen, sagte kürzlich ein Analyst. Und selbst bei niedrig angesetztem Flächenverbrauch von nur zehn Quadratmetern pro Beschäftigten, würde sich der Leerstand im Zentrum der Stadt um mehr als 20 Prozent verringern.

Frankfurt wäre zumindest auf den ersten Blick ein Gewinner. Allerdings hieße das auch: in die Höhe schießende Mieten mangels adäquatem und ausreichendem Büroraum. Die Flächenknappheit könnte auf längere Sicht sogar für ähnliche Preisverhältnisse wie aktuell noch in London sorgen. Die Profiteure wären unter anderen Außenbezirke wie Eschborn oder Offenbach, die einen Teil des Bürobedarfs auffangen würden. Schlecht sähe es dagegen auf dem Wohnungsmarkt aus, der durch den Zuzug der Bankenmitarbeiter aus Großbritannien unter Druck geraten würde. Wohnungen würden noch teurer werden und der Bauboom noch länger anhalten. Dafür hätten vermutlich selbst die Luxus-Wohnhochhäuser keine Absatzprobleme mehr. Vorausgesetzt, dass Frankfurt tatsächlich das Rennen macht.

Denn auch andere europäische Großstädte kommen als Alternative zu London in Frage. Etwa Paris. Oder Dublin. Denn Irlands Hauptstadt bringt als Plus die kulturelle Nähe zu London und eine vergleichbar geringe Kapitalmarktregulierung mit. Und anders als in Paris gibt es keine Sprachbarriere. Da täten sich ganz neue Perspektiven auf: Investoren könnten in Irland kräftig verdienen, denn bislang ist das kleine Land kaum gerüstet für einen Ansturm auf seinen Immobilienmarkt. Ein gigantischer Bau- und Investitionsboom würde den Iren sicher gut tun.