Gastbeitrag Zu viel Heimatliebe kostet Geld

Martin Blessing ist Co-President Global Wealth Management bei der Schweizer Großbank UBS
Martin Blessing ist Co-President Global Wealth Management bei der Schweizer Großbank UBS
© UBS
Deutsche legen ihr Geld am liebsten in Deutschland an. Doch schlau ist der sogenannte Home Bias nicht. Martin Blessing erklärt, warum es sich für Anleger lohnt, jenseits der Grenzen des Heimatlandes zu investieren

Deutsche Investoren handeln bei der Geldanlage oft unlogisch. Trotz gegenteiliger Belege sind sie - wie Anleger in den meisten Regionen - zuversichtlicher in Bezug auf die wirtschaftlichen Aussichten in ihrer Heimat als im Rest der Welt. Was durchaus sinnvoll ist, wenn man in Asien sitzt, wo das BIP-Wachstum seit über 20 Jahren das globale Wachstum übertrifft - aber weit weniger, wenn man in Deutschland und Europa lebt. Denn hierzulande übertraf das nationale Wachstum das der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren nur ein einziges Mal.

Natürlich ist die Vergangenheit nicht immer ein Indikator für die Zukunft. Aber auch ein Blick in die nähere Zukunft kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Weltbank ging Anfang 2019 von einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent aus, in der Eurozone sollen es dagegen nur 1,6 Prozent sein. Die jüngste Prognose der EU-Kommission für das Wachstum in Deutschland fällt noch deutlich niedriger aus: Brüssel rechnet nur noch mit 0,5 Prozent Wachstum hierzulande. Nun ist das Wirtschaftswachstum kein präziser Indikator für die Wertentwicklung von Investitionen, aber auf lange Sicht ist es wichtig.

Der sogenannte Home Bias – die Tendenz von Investoren, Geldanlagen auf dem Heimatmarkt überproportional zu gewichten – ist ein wesentliches Ergebnis der neuen Investor Sentiment Studie der UBS . Darin werden die Einschätzungen und Sichtweisen wohlhabender Anleger und Unternehmer weltweit analysiert. Der „Home Bias“ bewirkt, dass Investoren weniger Rendite erzielen und höhere Risiken bei der Geldanlage eingehen als nötigt.

Was der Home Bias für Deutschland bedeutet, veranschaulicht das Studienergebnis: Im ersten Quartal des Jahres waren etwas mehr als die Hälfte der europäischen Investoren optimistisch in Bezug auf die europäische Wirtschaft, aber nur knapp die Hälfte in Bezug auf die Weltwirtschaft. Dieses Muster galt auch für Deutschland, wo 57 Prozent der Anleger optimistisch auf die Entwicklung der Weltwirtschaft blickten und sogar 62 Prozent optimistisch auf die deutsche Wirtschaft blickten.

Diversifikation nach Regionen schützt vor externen Schocks

Aus finanzieller Sicht impliziert es ein Risiko, wenn europäische Investoren ihre Heimatregion im Portfolio übergewichten. Die Geschichte zeigt, dass dieser Ansatz das Renditepotenzial verringert. Wie aber kommt es bei wohlhabenden und gut informierten Anlegern zu so einer Verhaltensweise?

Eine Hauptursache für den „Home Bias“ ist die Informationsasymmetrie. Anleger wissen in der Regel viel über die Top-50-Aktien in Deutschland oder den USA. Aber was ist mit Taiwan oder Brasilien?

Der „Home Bias“ gewinnt an Brisanz mit Blick auf die hohen Summen, die aktuell in bar gehalten werden und die auf Investitionsmöglichkeiten warten. Europäische Investoren halten mit 35 Prozent Cash-Bestand über ein Drittel ihres Portfolios in bar – in Deutschland sind es sogar 41 Prozent. Das belastet im Laufe der Zeit signifikant die Rendite. Über ein Drittel der Anleger plant zwar, mehr zu investieren. Dabei sollten sie aber ihre Portfolios so diversifizieren, dass sie alle rentablen Möglichkeiten ausschöpfen, von denen die meisten möglicherweise nicht in Europa liegen. Aus Gesprächen mit Kunden weiß ich, dass viele von ihnen davor zurückschrecken, genau das zu tun. Neben der Verbesserung der Rendite kann die Diversifikation nach Regionen und Anlageklassen auch einen besseren Schutz vor externen Schocks bieten.

China in den Blick nehmen

Einen intensiven Blick lohnen nachhaltige Investitionen, bei denen es einen großen Spielraum für Wachstum gibt und gleichzeitig soziale oder ökologische Ziele unterstützt werden. So sind beispielsweise grüne Anleihen, sogenannte Green Bonds, eine solide und nachhaltige Alternative zu globalen Investment-Grade-Anleihen. Während sich eine einzelne grüne Anleihe in der Regel ähnlich entwickelt wie eine ansonsten identische herkömmlich Anleihe, weist der Markt für grüne Anleihen ein konservativeres Risikoprofil auf. Die Anlageklasse profitiert von der Nachfrage nach nachhaltigen Investitionen, die über dem ebenfalls wachsenden Angebot liegt. Dies sollte zu einer Überrendite führen, die Green Bonds zu einem attraktiven Investment in der späten Phase des Konjunkturzyklus macht.

Einen vorsichtigen Blick lohnt unserer Meinung nach auch Anlagemöglichkeiten in China. Trotz des jüngsten Aufflammens des Handelsstreits zwischen den USA und China halten wir an unseren jüngsten Analysen fest, die darauf hindeuten, dass es hier in der zweiten Jahreshälfte zu einer wirtschaftlichen Wiederbelebung kommen könnte. Dies setzt jedoch eine konstruktive und rasche Beilegung des Konfliktes voraus.

Unterdessen birgt das anhaltende Niedrigzinsumfeld die Gefahr, Investoren zu verleiten, sich nach Renditen in alternativen Anlageklassen umzusehen. Während weniger traditionelle Anlagen sicherlich die Gesamtrendite des Portfolios steigern können, sind qualitativ hochwertige, aber gering rentierende Anleihen nach wie vor der Schlüssel zum Schutz der Portfolios vor übermäßigen Verlusten.

Lege nicht alle Eier in einen Korb und diversifiziere dein Portfolio. Dieser Leitspruch scheint zwar etwas abgedroschen zu sein, es steckt jedoch nach wie vor viel Wahrheit darin – auch wenn es zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge bedeutete. Investoren in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt sind gut beraten, wenn sie bei Investitionsentscheidungen ein breites Spektrum weltweiter Möglichkeiten in verschiedenen Anlageklassen in den Blick nehmen.

Martin Blessingist Co-President Global Wealth Management bei der Schweizer Großbank UBS. Von 2008 bis Ende April 2016 war er Vorstandsvorsitzender der Commerzbank.

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