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Home Bias Aktienpatriotismus rentiert sich nicht

Dax-Kurve an der Frankfurter Börse
Dax-Kurve an der Frankfurter Börse
© Hans-Günther Oed / IMAGO
Viele Privatanleger sind übermäßig stark am heimischen Markt investiert. Dieser Home Bias kostet Rendite – und trotzdem tappen selbst institutionelle Investoren immer wieder in dieselbe Falle. Wie sich Aktionäre belohnen, indem sie über den Tellerrand blicken

Die Lieblingsaktien der Deutschen sind vor allem: deutsch. Ob BASF, Siemens oder BMW, deutsche Anleger vertrauen häufig auf Aktien aus dem heimischen Markt. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Problematisch wird die Sache allerdings, wenn Anleger so stark in den heimischen Markt investieren, dass dieser gegenüber seiner wirtschaftlichen Bedeutung im Depot ein Übergewicht bekommt. Denn das kostet Rendite und erhöht zugleich auch noch das Risiko von Verlusten.

Wie stark der Home Bias unter hiesigen Privatanlegern ausgeprägt ist, zeigt eine Studie des Fintech-Unternehmens Whitebox aus Freiburg: Demnach waren deutsche Kleinanleger im März 2021 zu rund 58 Prozent in deutsche Aktien investiert. Die restlichen 42 Prozent verteilen sich auf den Rest der Welt. Doch der Anteil der deutschen Wirtschaft am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt grade Mal bei 4,5 Prozent. Im bekannten globalen Aktienindex MSCI World beträgt der Anteil Deutschlands am Indexgewicht noch weniger, lediglich 2,44 Prozent.

Die Folge der Übergewichtung ist ein dramatischer Minderertrag: Hätten deutsche Anleger ihren Anteil an heimischen Aktien an die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik angepasst, sie dementsprechend weniger stark gewichtet und stattdessen ein breit gestreutes Weltdepot eröffnet, hätten sie in den vergangenen fünf Jahren fast doppelt so viel Geld verdient. Laut Whitebox lag der Aktiengewinn deutscher Privatanleger in den vergangenen fünf Jahren bei insgesamt 108 Mrd. Euro. Mit einem weltweit gestreuten Depot ohne Home Bias wären nach den Berechnungen 105 Mrd. Euro mehr drin gewesen – ein eklatanter Unterschied.

Auch Profis unterliegen dem Home Bias

Für den Home Bias gibt es verschiedene Gründe: Viele fühlen sich den Marken und Unternehmen aus der Heimat besonders verbunden, andere fürchten Währungsrisiken, Transaktionskosten beim Kauf von Aktien aus anderen Ländern oder wissen schlicht nicht, wie eine weltweite Kapitalanlage funktioniert. Immerhin: „Früher hätten diese Gründe größere Auswirkung gehabt“, sagt Salome Preiswerk, Geschäftsführerin von Whitebox. In der heutigen globalisierten Welt haben Anleger Zugang zu den nötigen Informationen, sind die Kosten niedriger. Darüber hinaus sind deutsche Unternehmen weltweit aktiv, so dass einem mit der Heimatliebe die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern nicht völlig entgeht.

Erstaunlich: Nicht nur Laien, auch Profis unterliegen oft dem Home Bias. Das zeigt eine ebenso kürzlich veröffentlichte Studie des Vermögensverwalters Nomura Asset Management in Zusammenarbeit mit der Frankfurt School of Business. Laut den Berechnungen der Experten hätten institutionelle Investoren rund 2,5 Prozentpunkte mehr Rendite einfahren können, wenn sie nicht so viel Kapital vor der eigenen Haustür angelegt hätten. Besonders US-amerikanische und asiatische Aktien werden von institutionellen Anlegern aus Deutschland dramatisch untergewichtet. Salome Preiswerk rät Profis wie Amateuren: „Sie alle sollten einen Blick ins eigene Depot werfen und sich fragen, ob sie dem Home Bias unterliegen. Falls ja, lohnt es sich eventuell gegenzusteuern und Aktien aus anderen Regionen zu kaufen.“

Der US-Markt lässt sich über die Anlage in weltweit gestreute, passive Aktienfonds gut abdecken, denn hier dominieren oft die großen Namen aus Übersee. Alternativ gelingt das über Investitionen in US-Aktienfonds. Das gleiche gilt für Asien, wobei Anleger hier über aktive Fonds nochmal deutlich unterschiedlichere Schwerpunkte setzen können. In vielen Fällen müssen Investoren beispielsweise zunächst einmal entscheiden, ob sie mit oder ohne Japan in den asiatischen Markt investieren möchten, oder nur in den übrigen asiatisch-pazifischen Raum. Wenn Asien und USA neben Europa mit im Depot vertreten sind, ist die Gefahr für renditeschädlichen Patriotismus schon mal gebannt.

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