Deutschland-CheckWie gut sind deutsche Aktien?

Handelssaal an der Frankfurter Börse
Handelssaal an der Frankfurter Börse Getty Images

Wenn Günther Meschke (Name von der Redaktion geändert) hinter seinem Haus in Bad Dürkheim auf die Hügel des Pfälzerwaldes spaziert, blickt er von dort in die Weite des Oberrheingrabens. Und auf sein Depot. Am Horizont sind Heidelberg und der Dom von Speyer zu sehen, im Süden an klaren Tagen der Schwarzwald, im Nordosten der Odenwald. Davor recken sich die Türme und Schlote von BASF in die Höhe, die Anlagen des Schmiermittelherstellers Fuchs Petrolub und das Heizkraftwerk des Mannheimer Energieversorgers MVV. Südlich davon blickt Meschke in die Ebene von Walldorf, Wiesloch und St. Leon-Rot, wo SAP für einen sagenhaften Wohlstand gesorgt hat. Und noch eine Drehung weiter, zu Füßen der Ruine Wachtenburg, liegt das Weinörtchen Wachenheim, Namensgeber des Schaumweinimperiums Schloss Wachenheim.

Der 77-jährige Pensionär hat sein Depot vor allem mit Unternehmen aus der Nachbarschaft bestückt, ein Umkreis von gerade einmal 30 Kilometern reichte dafür völlig. „Das fällt in die Kategorie ‚eigene Entscheidung‘ – starke Unternehmen aus meiner Region, die ich kenne und schätze“, sagt Meschke.

Der Hobbyanleger ist damit ein typischer deutscher Privatinvestor: Er ist über 65 – in keiner Alterskohorte ist die Quote von Aktionären größer. Er ist ein Stockpicker, setzt also lieber auf Einzelaktien als auf Fonds – das tun ihm laut Zahlen des Deutschen Aktieninstituts rund drei Millionen Deutsche nach, weitere zwei Millionen versuchen es mit Aktien und Fonds. Und er bleibt mit seinem Geld mehrheitlich im eigenen Land, wenngleich er auch eine Reihe internationaler Aktien hält. Auch das ist typisch: Knapp 70 Prozent des Aktienvermögens haben die Deutschen in der Heimat angelegt, sagt die Vermögensstatistik der Bundesbank.

Welche Aktien Meschke kauft, entscheidet er ganz bewusst, er beschäftigt sich gern mit Unternehmen aus der Region, besucht Hauptversammlungen und gründete vor einigen Jahren sogar einen Investmentstammtisch. In einer Hinsicht aber ist er eine Ausnahme: Meschke hat mit seiner Anlagestrategie gute Ergebnisse erzielt.

Für die meisten Hobbyanleger gilt hingegen: Die oft unsystematische Auswahl von Einzelaktien kombiniert mit großer Heimatliebe (Ökonomen sprechen vom „Home-Bias“) hat einen hohen Preis – und trägt viel zum angespannten Verhältnis der Deutschen zu Aktien bei. Capital ging daher der Frage nach: Wie viel „Deutschland im Depot“ tut Anlegern wirklich gut? Und wie vermeiden Privatinvestoren die Risiken, die wild zusammengewürfelte Depots und zu wenig Diversifikation bergen?

Das Zahlenrätsel

Mit Anlegern, weiß Hans-Joachim Karopka vom Kölner Rheingold-Institut, verhält es sich nicht anders als mit Kindern: Erfahrungen prägen das Verhalten. „Das kritische Urteil vieler Menschen über Aktien hängt mit den schlechten Erfahrungen zusammen, die sie in den vergangenen 20 Jahren gemacht haben“, sagt Karopka. Er untersucht in tiefenpsychologischen Interviews und Gruppendiskussionen die Einstellungen der Menschen zu Finanzthemen. „Wenn es um Aktien geht, finden wir in den Studien immer wieder, dass bei vielen Menschen – bewusst oder unbewusst – das Bild eines dramatischen Glücksspiels vorherrscht, bei dem man alles gewinnen oder alles verlieren kann“, sagt Karopka.

Auf den ersten Blick tut sich damit eine gewaltige Lücke auf zwischen subjektiver Einschätzung und den meisten Theorien zur Aktienanlage. Etwa jener, dass Aktien langfristig enorm rentabel sind. Oder zum Befund, dass deutsche Aktien in den vergangenen 50 Jahren im Schnitt rund neun Prozent Rendite pro Jahr geschafft haben. Dass sich der Aktienindex Dax seit 1988 annähernd verdreizehnfacht hat. Doch bei näherer Betrachtung schließt sich diese Lücke, erweist sich das Bauchgefühl vieler Anleger als gar nicht so falsch.

Am 1. Juli feiert der Dax seinen 30. Geburtstag. Aus den 1000 Punkten, mit denen er damals rückgerechnet startete, sind heute rund 12.600 Punkte geworden – er ist eine deutsche Erfolgsgeschichte. Blickt man jedoch in das Innenleben des Index, zeigt sich: Die Renditebeiträge sind höchst ungleich verteilt. Fünf der zwölf Aktien, die seit Gründung kontinuierlich im Dax vertreten waren, haben Gesamtrenditen für Anleger erwirtschaftet, die sich kaum von denen einer sicheren Anlage in Bundesanleihen unterschieden oder sogar darunter lagen: Commerzbank, Deutsche Bank, Daimler, Lufthansa und RWE.

Ihnen gegenüber stehen Überflieger, deren Werte inklusive Dividenden um das 16-Fache (Siemens), das 19-Fache (Bayer) oder gar das 36-Fache (BASF) gestiegen sind. Sie trieben den Index entscheidend voran.

Zudem zeichnet der Dax ein Zerrbild: Als sogenannter Performanceindex unterstellt er, dass Dividenden taggleich mit der Ausschüttung steuerfrei wieder angelegt werden – ein Kunststück, das kein Anleger privat schaffen kann. Die Dividende ist zwar ein elementarer Bestandteil der Aktienanlage. Der Börsenalltag der Kurse ist in der Regel aber trister, als der Dax suggeriert.