KolumneZeit für die Vollprivatisierung der Deutschen Telekom

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Zu den Themen der aktuellen Koalitionsgespräche innerhalb der heterogenen Troika aus Union, Grünen und FDP zählt auch der Verkauf der nach wie vor beim Bund beziehungsweise der Kreditanstalt für Wiederaufbau verbliebenen Anteile an der Deutschen Telekom. Das ist gut so, denn es gibt keine überzeugenden Gründe, warum der deutsche Staat diese Anteile weiterhin halten sollte. Mehr als 20 Jahre sind seit dem Börsengang des ehemaligen Monopolisten ins Land gezogen und der Staat hält immer noch gut 30 Prozent der T-Aktien.

Allein daran kann man erkennen, wie es um die Ordnungspolitik in Deutschland bestellt ist. Ein Wunder ist das nicht, denn das zuständige Wirtschaftsministerium spielt hierzulande keine wichtige Rolle. Tatsächlich ist es mittlerweile zu einer Art Wurmfortsatz des Finanzministeriums verkommen. Wenn ich die Namen der letzten fünf deutschen Wirtschaftsminister nenne, dann kann jeder Leser sogleich nachvollziehen, was ich meine: Zypries, Gabriel, Rösler, Brüderle, Guttenberg.

Absturz der Telekom-Aktie wirkt nach

Sollte es zu einem Verkauf des staatlichen Telekom-Pakets an der Börse kommen, dann gerät einmal mehr das Problem der deutschen Sachwertfeindlichkeit in den Blickpunkt. Ein Börsenpaket im Wert von knapp 25 Mrd. Euro ist ohne ausländische Anleger nicht zu platzieren. Hinzu kommt, dass bei vielen deutschen Anlegern ein besonderes Trauma mit der T-Aktie verbunden ist. Als sich nämlich nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges das politische und ökonomische Klima verbesserte, nutzte der deutsche Staat im November 1996 die Gelegenheit, um den Telekom-Börsengang als Marketing-Clou zu inszenieren: Mit geschickter Werbung gelang es, breite Volksschichten für die Aktie zu interessieren.

Als dann die T-Aktie im aufkommenden Internet-Zeitalter den Odem eines Hochtechnologie-Unternehmens annahm, gerieten die Kurse in einen Schweinsgalopp. Das mit 14,57 Euro debütierende Papier konnte in einer Jubelhausse, die ihresgleichen sucht, bis auf knapp 104 Euro hochschießen, bis dann im Frühjahr 2000 die Realität begann, die Anleger jäh einzuholen. Von diesem Ereignis haben sich viele Investoren bis auf den heutigen Tag nicht frei machen können. Der nachfolgende Kurssturz des vormals angehimmelten Papiers um knapp 90 Prozent ist neben der Implosion des „Neuen Marktes“ in die finanzkulturellen Gene der deutschen Anleger eingegangen.

Deutsche Telekom Aktie

Deutsche Telekom Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ablesbar ist dieser Befund etwa daran, dass rund zwei Drittel aller Dax-Aktien mittlerweile von nichtinländischen Investoren gehalten werden. Bei der Telekom-Aktie ist es kaum anders, wenn man einmal von der hohen Beteiligung des Staates absieht. Vieles spricht dafür, dass nach einer Restprivatisierung der Telekom angelsächsische Aktionäre die Majorität des Bonner Konzerns halten werden. Leider wäre diese Entwicklung nicht nur peinlich für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, sie wäre vor allem auch ein Beleg für die gescheiterte Vermögensbildungspolitik dieses Landes.

„Dumb German money“

Nachdem die Aktienmärkte im Begriff stehen, das neunte Jahr einer formidablen Börsenhausse zu beschließen, hat die konsequente Geldpolitik der Europäischen Zentralbank dazu geführt, dass die Finanz- und Vorsorgepläne der Bundesbürger völlig über den Haufen geworfen wurden. Nach wie vor beliebte Anlageformen wie etwa die klassische Kapitallebensversicherung oder der Bausparvertrag sind derart obsolet geworden, dass viele Anbieter inzwischen vom Vertrieb solcher zinsgebundenen Anlageformen absehen.

Leider muss man feststellen, dass die oben genannten Wirtschaftsminister nichts Relevantes unternommen haben, um diesem Fiasko entgegenzutreten. Warum auch? Die Politik erachtet die Erwirtschaftung privaten Wohlstandes qua sinnvoller Geldanlage überhaupt nicht als Priorität. So kommt es dann, dass der riesige Berg durch Sparleistung (Konsumverzicht!) entstandenen Geldvermögens in Deutschland seit Jahren nahezu ertragslos vor sich hindümpelt. Nur wer das bedenkt, der versteht, warum der Ausdruck „dumb German money“ weltweit Karriere gemacht hat. Vielleicht bietet die Restprivatisierung der Telekom einen Anlass dazu, endlich über dieses Thema nachzudenken.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns