Kapitalmärkte„Wir sind noch nicht über den Berg“

Aktienkurse in Sydney: Den ersten Schock haben die Börsen weltweit überwundenimago images / AAP

Die Aktienmärkte legen in diesen Tagen wilde Kursritte hin. An einen Tag steigt der Dax um drei Prozent, am nächsten sackt er um drei Prozent ab – oder umgekehrt. Mit diesen Ausschlägen werden sich Anleger noch eine Weile herumplagen müssen, ist Gergely Majoros vom französischen Vermögensverwalter Carmignac überzeugt: „Der Markt hat mit guten wie mit schlechten Nachrichten zu kämpfen. Die aktuelle durch die Corona-Pandemie ausgelöste Krise hält noch an. Wir sind noch nicht über den Berg.“

Majoros ist Mitglied des Investmentkomitees bei der Fondsgesellschaft. Frühere Stationen in seiner Karriere waren unter anderem bei der BHF Bank, Deka und Cominvest.

Die Schockphase ist vorbei

Im Interview unterteilt Majoros die Krise in drei Phasen – und hat zumindest eine gute Nachricht für Anleger: Die erste Phase, „die Schockphase, die alle eiskalt erwischte“, ist etwa seit Mitte März wegen des Eingreifens von Notenbanken und Politik überstanden. „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels“, sagt er. „Wir haben aber noch nicht alle Daten, um das nächste Marktregime genauer einschätzen zu können.“

Willkommen also in Phase zwei, die Phase der Instabilität mit volatilen Märkten und der ständigen Angst, die Corona-Pandemie könnte sich doch noch nicht abschwächen oder eine zweite Welle könnte das Erreichte zunichte machen. „Wir befinden uns in einer instabilen Marktphase, in welcher der Markt versucht, sich ein Bild vom neuen Umfeld zu machen“, erklärt er. Dazu zähle auch zu verstehen, welche Konsequenzen die erhöhte Verschuldung von Staaten und Unternehmen hat sowie wer die Gewinner und Verlierer sind. „Der Corona-Schock beschleunigt viele bereits bestehende Tendenzen“, sagt er.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Die zweite Phase ist aus Sicht von Carmignac nicht nur sehr volatil, in ihr bildeten sich auch die Erwartungen an dritte Phase, in der sich „ein neues Regime“ etabliert. „Wir stellen uns derzeit die Frage, wie wir konjunkturell aus der Krise herauskommen“, sagt Majoros. „Das wird langsam und graduell geschehen, denn auch die Lockerungen sind nur graduell und das Social Distancing wird uns in den nächsten Quartalen erhalten bleiben.“

Vier Parameter sind in dieser zweiten Phase nach Einschätzung des Experten zentral: Die Reaktion Europas, eine „koordinierte Antwort auf globaler Ebene“, die Daten aus der Realwirtschaft („Da muss man noch abwarten, um die Auswirkungen von Corona zu sehen.“) und viertens schließlich die Entwicklung in den Schwellenländern.

„Die Hauptfrage für die Eurozone ist, wie tragbar die hohe Verschuldung sein wird“

Gergely Majoros

Vor diesem Hintergrund agiert auch der Flagschiff-Fonds des Hauses, der Carmignac Patrimoine (ISIN: FR0010135103). Mitte März hat das Fondsmanagement laut Majoros den Aktienanteil hochgefahren „für die Phase der Instabilität nach dem Schock“. Investiert worden sei insbesondere in Unternehmen, die sich unabhängig von der Konjunktur entwickeln und bilanziell gesund sind. „Wir vermeiden hochverschuldete Unternehmen, da diese wenig Flexibilität haben sich an neue Gegebenheiten anzupassen.“ Auf Branchenebene bevorzugt die Gesellschaft derzeit Technologie und Gesundheit.

Hingegen ist Carmignac laut Majoros derzeit „vorsichtig“ bei Anleihen aus der Euro-Peripherie und „grundsätzlich sehr zurückhaltend“ bei Schwellenländer-Anlagen. „Die Hauptfrage für die Eurozone ist, wie tragbar die hohe Verschuldung sein wird“, sagt er. „Die Antwort hängt auch davon ab, für welche Form der finanziellen Solidarität sich die Europäischen Union entscheidet.“

Schwellenländer kämpfen seiner Einschätzung zufolge derzeit mit drei Problemen: der eigenen Betroffenheit durch die Corona-Pandemie, den fehlenden Exportmöglichkeiten in die Industrieländer und fehlende Dollar-Liquidität zur Schuldentilgung. Letzteres sei durch Aktionen der US-Notenbank Federal Reserve aber abgemildert worden.

 


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