Versicherungen Wie KI Versicherern bei der Betrugsabwehr hilft

Künstliche Intelligenz soll Versicherern bei der Betrugsabwehr helfen
Künstliche Intelligenz soll Versicherern bei der Betrugsabwehr helfen
© Ikon Images / IMAGO
Versicherer setzen im Kampf gegen Betrüger immer öfter auf Künstliche Intelligenz. Das hat gute Gründe, denn auch die Kriminellen werden immer digitaler

Ein Auffahrunfall zwischen einem Ferrari und einem Lamborghini um vier Uhr nachts im Industriegebiet in Rostock. Beide Fahrer sind 18 Jahre alt, die Schadenshöhe liegt bei mehreren Zehntausend Euro. Bei Versicherungsmitarbeitern der Betrugsabwehr gehen bei so einem Fall alle Alarmglocken an. Denn Zeit, Ort, Alter der Personen und Schadenshöhe passen nicht richtig zusammen. Jeden Einzelfall manuell zu prüfen ist für die Versicherer allerdings nicht leistbar, jährlich müssen sie Millionen an Schadensfällen bewerten. Daher bekommen die Versicherer digitale Hilfe. Eine Künstliche Intelligenz (KI) selektiert vor und bewertet, ob ein Fall möglicherweise Betrug sein könnte oder nicht. Das bietet Vorteile für ehrliche Versicherungsnehmer und Nachteile für Betrüger.

Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) entsteht durch Versicherungsbetrug pro Jahr eine Schadensumme von rund 5 Mrd. Euro . Die Versicherer gehen davon aus, dass jede zehnte Schadensmeldung dubios ist. Die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des GDV, Anja Käfer-Rohrbach, sagt: „Dubios bedeutet in diesem Fall nicht automatisch Betrug, sondern dass der Schaden zum Beispiel Merkmale enthält, die statistisch gesehen eher selten vorkommen.“ Bei einer Vielzahl der untersuchten Fälle handle es sich jedoch tatsächlich um Betrug.

KI als Filter

Besonders Mehrfachtäter und strukturierter Versicherungsbetrug setzen die Versicherer seit Jahren unter Druck. Das ist einer der Gründe dafür, warum immer mehr Versicherer auf KI-Algorithmen von Unternehmen wie dem niederländischen Unternehmen Friss zurückgreifen. „Weit mehr als die Hälfte der deutschen Versicherer setzten solche KI-Algorithmen bereits ein“, schätzt Käfer-Rohrbach.

Die neue Technik bringt den Versicherern eindeutige Vorteile. „Der größte Pluspunkt der neuen digitalen Helfer ist die Möglichkeit, nahezu alle Schadensfälle direkt bei ihrer Meldung auf atypische Faktoren untersuchen zu können“, erklärt die Expertin. Zu den womöglich atypischen Faktoren zählen unter anderem die Versicherungsdauer, die Höhe des Schadens und das Alter der Versicherten. Erkennt die KI Auffälligkeiten, wird der Schaden an die Betrugsabteilung geschickt, in der die Fälle dann individuell durch das Fachpersonal geprüft werden. Für Betrüger und Gelegenheitsschummler soll der KI-Einsatz abschreckend wirken. „Wenn der Betrüger weiß, dass jeder Schadensfall gecheckt wird, steigt für ihn das Entdeckungsrisiko und er überlegt zweimal das Risiko einzugehen“, erklärt Käfer-Rohrbach.

Darüber hinaus ist der KI-Einsatz auch für ehrliche Versicherte vorteilhaft: Nicht nur, dass die Versicherung weniger Schäden regulieren muss und dadurch die Beiträge nicht kollektiv steigen. Der Schadensfall eines nicht dubiosen Falls kann im Handumdrehen reguliert werden, denn der Algorithmus weist die unverdächtigen Fälle deutlich schneller ab. Damit erhalten Versicherungsteilnehmer ihr Geld schneller als bisher.

Digitale Herausforderungen für Versicherer

Nicht nur die Versicherer entwickeln ihre technologische Infrastruktur weiter. So arbeiten Betrüger mittlerweile mit Bildbearbeitungsprogrammen und konstruieren Schäden, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Außerdem werden häufig Rechnungssummen um die ein oder andere Ziffer ergänzt. „Das Betrugsgeschehen wird sich immer mehr in den virtuellen Raum verlagern“, sagt Jochen Haug, der im Vorstand der Allianz Versicherung das Schadens-Ressort verantwortet. „Durch vermehrte Nutzung digitaler Mittel gehen wir davon aus, dass bis 2030 jeder fünfte Versicherungsbetrug virtuell stattfinden wird.“

Die Versicherer müssen also weiterhin am Ball bleiben und im digitalen Bereich aufrüsten. Schützenhilfe kommt beispielsweise vom Londoner Unternehmen Photocert. Dessen KI-Technologie erkennt bearbeitete Fotos, indem sie GPS-Daten und Zeitstempel untersucht und prüft, ob das Bild schonmal anderswo im Internet aufgetaucht ist. Das Unternehmen Ico-Lux aus Jena hat sich dagegen im Bereich Rechnungsfälschung spezialisiert. Die KI überprüft und erkennt gefälschte oder bearbeitete Rechnungen.

Egal wie fortschrittlich die KI- und Deep-Learning Methoden auch sein mögen, die Versicherungsbetrugsabwehr wird auch in Zukunft nicht vollständig automatisiert ablaufen. „KI an sich kann noch keinen Versicherungsbetrug erkennen, sondern nur atypische Merkmale“, sagt Käfer-Rohrbach vom GDV. „Schlussendlich wird immer ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin der Versicherung den Schadensfall prüfen und entscheiden, ob ein möglicher Betrugsversuch vorliegt.“ Im Katz und Maus Spiel mit den Betrügern bringt der KI-Einsatz die Versicherer aber zumindest wieder auf Augenhöhe.

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