FondsWie Amundi zum größten Vermögensverwalter Europas aufstieg

Der Blick aus der Amundi-Vorstands­etage auf die französische Hauptstadt zählt zu den besten in Paris
Der Blick aus der Amundi-Vorstands­etage auf die französische Hauptstadt zählt zu den besten in Paris Stephanie Füssenich

Aus der Gare Montparnasse strömen in der Früh unablässig Menschen auf die Straßen. Das Bahnhofsviertel südlich der Seine ist eine der eher glanzlosen Gegenden von Paris. Auch dem Glas-und-Stahl-Klotz, der neben dem Schlund der Station aufragt, fehlt jede Anmut. Da taucht ein Mann aus der Menge auf, der mit mürrischem Blick und schleppendem Gang auf den Bürobau zustrebt. Er ist nicht groß und nicht klein, alles in allem unauffällig. An der rechten Hand lässt er eine lederne Aktentasche schlenkern, ins Auge fallen vorerst nur die klobigen Schuhe, mit denen er eine Drehschleuse durchquert, um sich vor dem Aufzug aufzustellen.

Die Mitarbeiter im Foyer bleiben auf Abstand. „Da ist er“, flüstert jemand. Die Aufzugtür öffnet sich, aber keiner der wartenden Kollegen steigt hinzu. Alle folgen einer ungeschriebenen Regel, von der man hier rasch erfährt: Niemals betritt jemand unaufgefordert zusammen mit dem Chef die Kabine nach oben.

So beginnt der Tag bei Amundi, dem Finanzimperium aus Paris, das für Anleger so viel Geld wie sonst niemand in Europa in Aktien, Anleihen und Firmenanteile steckt. Und er beginnt mit einem Widerspruch: Unbekannt, unauffällig, aber machtbewusst und routiniert – so wie Vorstandschef Yves Perrier morgens ans Werk schreitet, bewegt sich das ganze Haus auf sein Ziel zu, immer tiefer ins Bewusstsein der Anleger und in Unternehmen vorzudringen.

Die Firma mit dem wenig geläufigen Kunstnamen ist heute Nummer neun der globalen Vermögensverwalter – ein Geschäft, das sonst Amerikaner beherrschen. 1,5 Billionen Euro managen die Franzosen, und sie wollen weiter. „In zwei Jahren wollen wir gemessen an unserem Wachstum, unserer Rentabilität und unserer Verpflichtung zur Nachhaltigkeit zu den Top fünf der Branche gehören“, sagt Perrier (mehr über seine Deutschland-Pläne im Interview).

„Ein Flow-Monster“

Ohne Skrupel und mit der Präzision eines Feldherrn sichern sich die Franzosen mit Übernahmen den Zugang zu Bankschaltern und Anlageberatern in ganz Europa. „Amundi expandiert aggressiv“, sagt Ali Masarwah vom Fondsanalysehaus Morningstar. Zuletzt schlugen sie 2016 bei der Unicredit-Tochter Pioneer zu, seither sind sie auch in den Filialen der HypoVereinsbank präsent.

Die zumindest in Deutschland bei Anlegern verbreitete Skepsis gegenüber Finanzmärkten im Allgemeinen und gegenüber der Börse im Speziellen schreckt die Franzosen nicht. „Das ist erst der Anfang“, sagt ein führender Amundi-Manager. „Viele Rentensysteme sind am Limit“, frohlockt Amundi-Manager Pascal Duval, Chef der globalen Retail Solutions. „Der Fondsindustrie wird eine wichtige Rolle dabei zukommen, diese Sparlücke zu schließen.“

Einer der wichtigsten Vorteile gegenüber der Konkurrenz ist schiere Größe: Unternehmenschef Perrier sagt, er wolle „Größenvorteile ausspielen“, er kopiere „exakt die Plattformstrategie der Autohersteller“.

Einheitliche Strukturen im Hintergrund, etwa bei der IT, bilden eine machtvolle Maschine. „Ein Flow-Monster“ nennt voll Ehrfurcht der Manager eines Konkurrenten den Amundi-Apparat. Normalerweise heißen so in der Branche – wenig schmeichelhaft – Großbanken, die täglich mit Hunderten Milliarden hantieren. Jeder Angestellte von Amundi – vom Boten bis zum Chef – nimmt rein rechnerisch mehr als 1 Mio. Euro im Jahr ein. Beim Marktführer Blackrock liegt der Wert um fast ein Fünftel niedriger, bei der größten deutschen Fondsgesellschaft, der Deutsche-Bank-Tochter DWS, ist es die Hälfte.