Fonds Wie Algoo die Fondsauswahl per Algorithmus revolutionieren will

Symbolbild Geldanlage
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Algooo kommt aus Hamburg und ist eine Art Mischung aus Fondssupermarkt und Robo-Adviser. Der Algorithmus verspricht die „Demokratisierung der Vermögensbildung“. Ganz billig ist das aber nicht

Mit 50 hatte Jörg Rosowski seine eigene Branche satt: Der Banker aus Hamburg gibt seine Posten in Aufsichtsräten und Geschäftsführungen auf. „Mir wurde klar, dass ich hier nicht mehr mitmachen wollte“, sagt er rückblickend. „Ich wollte etwas dagegensetzen, etwas anders machen in der Geldanlage.“

Dem etwas entgegensetzen, wie schlecht die Kunden seiner Meinung nach informiert werden; wie viel cleverer die Verkäufer von Finanzprodukten immer seien und welchen Vorsprung an Know-how sie stets hätten. Und welche hohen Margen man in dieser Branche für so wenig Dienstleistung einstecken kann, sagt Rosowski.

Zehn Prozent Performancegebühr

Das Ergebnis liegt Ende 2020 vor: Algooo, angepriesen als „erste Wertpapiersuchmaschine der Welt“. Der Algorithmus verspricht, Fonds danach zu kombinieren, wie sie nach individuellen Vorgaben sowie mit höchster Wahrscheinlichkeit die beste Performance bieten. Kostenpunkt: Mindestens 4,99 Euro im Monat. Es kann auch mehr werden, denn Algooo kassiert Performancegebühren von zehn Prozent pro Jahr für die Wertsteigerung im Depot.

Rosowski verdient also mit, wenn ein Fonds im Wert steigt. Er erstattet im Gegenzug aber auch einen Teil der Fondsgebühren zurück, so wie viele so genannte Fondssupermärkte es tun. Für Sparerinnen und Sparer kommen dann noch je nach Bank Depot- und Handelsgebühren hinzu.

Nicht weniger als die „Demokratisierung der Vermögensbildung und privater Altersvorsorge breiter Bevölkerungsschichten“ schwebt dem inzwischen 58-Jährigen vor. Dazu durchforscht er den Anlagemarkt mit Big Data, Algorithmen und viel Rechnerleistung. „Bisher läuft Geldanlage in Deutschland überwiegend so, dass Sie auf Grundlage von Tipps, Hitlisten, aktuellen Themen oder privaten Vorlieben selber Wertpapiere ordern oder sich an Ihren Banker, Berater oder einen Vermögensverwalter wenden“, so Rosowski.

Der große Marktüberblick

Das Problem aus seiner Sicht: Selbst die besten Banker und Berater überblicken allenfalls 100 bis 200 Titel. Bei mehreren zehntausend handelbaren aktiven Fonds und ETF ́ in Deutschland ist das für Rosowski zu wenig: „Das Problem bei Kapitalanlegern kann dabei sein, dass die Selektion an Wertpapieren häufig nur anhand eines Teils der gesamt vorhandenen Menge an Titeln vorgenommen wird. Warum auf den großen Marktüberblick verzichten?“

Am Ende bestimmten persönliche Vorlieben, eine beschränkte Marktkenntnis des Beraters, Emotionen oder die Provisionen für den Vermittler über den Kauf der Wertpapiere. „Kein Wunder, dass so reihenweise zufallsbezogene oder Fremdinteressen unterliegende Fehl-Allokationen herauskommen“, sagt Rosowski.

Der Algooo-Algorithmus soll das ändern: Die Maschine spürt grundsätzlich sämtliche in Deutschland handelbaren und zugelassenen Wertpapiere auf. Bislang gibt es nur aktiv verwaltete Fonds, passive ETF sollen folgen. „Sie könnte alles suchen, was eine Wertpapierkennummer oder ISIN trägt“, lautet das Versprechen.

Sobald die Wertpapiere Mindestanforderungen wie drei Jahre Marktpräsenz erfüllen, landen sie in einer Auswahl. Binnen 30 Sekunden unterbreitet Rosowskis Maschine dann einen Anlagevorschlag – meist einen Korb von zehn Papieren. Je nach Vorgaben der User durchsucht sie mal 30 Millionen Portfolio-Daten, mal 300 Millionen. Theoretisch sind gar Milliarden Kombinationen möglich.

Krisen-Stresstest

Der vorgeschlagene Korb der zehn Titel durchläuft im Hintergrund einen Stresstest – wie sie sich ergänzen, stützen, verstärken oder womöglich unerwünscht behindern. Dabei klopft der Algorithmus die möglichen Kombinationen in einem „Robustheitscheck“ darauf hin ab, wie sie sich – je nach geplanter Anlagedauer – im Vergleich zum Dax in verschiedenen Krisen geschlagenen hätten: der Corona-Ausbruch (seit 2020) ist als Szenario dabei, ebenso der verschärfte Handelsstreit USA-China mitsamt des Brexit (2018), die China-Krise (2015) oder auch der Reaktor-Unfall von Fukushima (2011).

Dazu durchläuft das Portfolio einen „Erholungs-Check“, der sich an denselben Krisen und Einbrüchen orientiert. „Hat ein gesuchtes Portfolio bereits mehrere, ganz unterschiedliche Krisen überstanden, so ist die Wahrscheinlichkeit statistisch betrachtet höher, auch die nächste Krise zu überstehen“, argumentiert der Banker. „Insofern ist eine Suche über einen längeren Zeitraum über mehrere Krisenzeiträume generell aussagekräftiger im Sinne der Robustheit.“

Die Maschine ermittelt einen erwartbaren Endbetrag für das Investment, das Risiko und die Performance. Ordern muss man die Fonds-Auswahl aber selber bei Banken oder Handelsplattformen. Algooo kooperiert bisher nur mit der Direktbank DAB BNP Paribas.

Algoo: Datenanalyse ist alles

„Wir versprechen niemandem den Eintritt eines Ereignisses, das wäre nicht seriös. Wir zeigen aber konkret: das ist das Ergebnis unserer Datenanalyse“, sagt der Algooo-Gründer. Als Ansatz gibt Rosowski lediglich Buy & Hold vor. „Buy & Hold hat grundsätzlich den Vorteil, dass es weniger kostenintensiv ist, da jede Umschichtung von Fonds Kosten verursacht“, sagt er.

Zudem sei der Kapitalanleger immer zu 100 Prozent investiert und habe damit auch das volle Potential von Wertsteigerungen auf seiner Seite. Prognosemodelle sieht er als das komplette Gegenteil zu Algooo an: „Diese mögen im Bereich der Physik funktionieren, da es Konstanten gibt.“ Jeder Kapitalanleger möge selbst entscheiden, ob jemand voraussehen könne, welche Entscheidungen morgen beispielsweise in Nordkorea oder vom amerikanischen Präsidenten gefällt werden oder welche Krankheiten und Pandemien die Welt in Zukunft heimsuchten.

Aber warum dann eine Beschränkung auf zehn Titel? „Mehr Wertpapiere bringen keinen entscheidend größeren Anlageerfolg“, sagt Rosowski. Das hätten unzählige Tests ergeben. „Zehn gut sortierte Titel können genügen.“

Rosowski hat schon einige Erfahrungen gesammelt: Er war Direktor der Schweizer Bank Union Bancaire Privée (UBP), Mitgründer des Rechteverwerters VG Media (heute Corint Media) und des Vermögensverwalters Luxembourg Financial Group, den er 2011 an die UBS Bank verkaufte. Dazu saß Rosowski in Aufsichtsräten von teils schillernden Firmen wie der Feedback AG, der Axxon Wertpapierbank oder der AXG Investmentbank.

Kritiker: Konzept überzeugt nicht

Akademische Unterstützung erhält Algooo von André Schmidt, Professor für Makroökonomie und Internationale Wirtschaft an der Universität Witten/Herdecke. Die Hamburger Rechenmaschine bezeichnet er als „bislang weltweit einzigartig“: Sowohl für Privatanleger als auch für Profis eigne sie sich „als Vergleichstool, um das eigene Depot zu überprüfen und zu optimieren“. Dazu ließe sich mit Algooo leicht die Leistung eines Anlage-Fachmanns hinterfragen: „Was taugt mein Berater?“

Nicht alle bewerten das so positiv. „Eine Art Mischmasch aus Google für Fonds und Anlage- Roboter-Klon“, sieht etwa Mario Hess darin. Er ist Sprecher der Seite brokervergleich.de, die seit Jahren die Leistung von Robo-Advisors testet. Er kritisiert die monatlichen Kosten von 4,99 Euro für die Nutzung von Algooo, den zehnprozentigen Anteil an einer jährlichen Wertsteigerung des Fondsdepots sowie weitere Kosten der Depotbank. Hess‘ Fazit: „So richtig überzeugend finden wir das Konzept momentan nicht.“

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