KolumneAnlageroboter an der Irrelevanzgrenze

Symbolbild Tradingfloor
Symbolbild Tradingfloordpa

Die Weltfinanzmärkte haben im Oktober mal wieder gebebt. Manche Beobachter sahen im globalen Börsenabsturz schon den Vorboten für einen großen Crash, andere warnen vor Schwarzmalerei. Schnell beherrschen wieder Angst und Irrationalität das Verhalten der Marktteilnehmer. Da wünscht sich so mancher eine kühl kalkulierenden Beratung. Aber je nachdem, wen man fragt, erhalten Anleger wie immer die unterschiedlichsten Ratschläge. Einige sehnen daher schon länger den Einzug der Roboter in das Finanzwesen herbei, die frei von Crash-Angst und Börseneuphorie Entscheidungen treffen.

Immerhin: erste Erfahrungen mit nicht menschlichen Beratern können Anleger seit einigen Jahren sammeln. Gemeint sind die sogenannten Robo-Advisor (von Robo wie Roboter und Advise = Beratung). Darunter versteht man die digital automatisierte Anlageberatung beziehungsweise das automatisierte Vermögensmanagement. Robo-Advisor sind dabei entweder eigenständige Internetplattformen oder in bestehende Gesamtangebote von Finanzdienstleistern eingebettet. Auf Basis bestimmter Fragen machen sie Vorschläge für die Vermögenszusammensetzung. Dazu wird die Risikoneigung des Anlegers ermittelt, seine finanzielle Situation und seine Anlageziele und Zeithorizonte. Daraus errechnet ein Algorithmus Anlagevorschläge, kauft die entsprechenden Wertpapiere (meist sind das bestimmte Fonds) und sorgt für die regelmäßigen Anpassungen. Robo Advisor haben übrigens nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun.

Deutschland gilt zwar bekanntlich nicht gerade als ein Land der Aktienfans. Aber immerhin, so hat das “Deutsche Aktieninstitut” festgestellt, besitzt in Deutschland mittlerweile jeder sechste Bürger Aktien oder Aktienfonds und hat entsprechenden Beratungsbedarf. Die Anzahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfonds ist im Jahr 2017 sogar um fast 1,1 Mio. Personen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen und hat damit wieder denselben Stand wie vor der Finanzkrise erreicht.

Erstaunlich ist in Deutschland die Anzahl der mittlerweile aktiven Robo-Berater. Das Extra-Magazin ermittelte in einer regelmäßig aktualisierten Aufstellung derzeit 25 Anlage-Roboter. Diese können von der Qualität der Beratung her durchaus mit menschlichen Beratern mithalten oder sie sogar übertreffen (wobei Fachleute hier eine intensive Debatte über die richtigen Messverfahren führen). Daher haben auch immer mehr traditionelle Banken solche Angebote aufgebaut. Aber ist das Geschäft, mit dem Finanzdienstleister einiges an Personal sparen könnten, wirklich so lukrativ?

Digitale Anlageberater verwalten ein Volumen von 2,2 Mrd. Euro

Ende August verwalteten die 15 größten digitalen Anlageberater ein Volumen von etwa 2,2 Mrd. Euro. Zum Ende des ersten Quartals 2018 betrug das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland nach Informationen der Bundesbank aber 5,875 Billionen Euro. Auf Basis dieser Daten errechnet sich der Anteil der von Anlage-Robotern verwalteten Gelder auf gerade einmal 0,04% und kratzt damit an der Irrelevanzgrenze. Per Saldo um 69 Milliarden Euro wuchs allein im ersten Quartal 2018 die Geldvermögensbildung und erreichte damit einen ihrer höchsten Werte seit der Jahrtausendwende. Den aktuellen Anlage-Robotern gelingt es also bisher nicht, nennenswerte Anlagegelder auf ihre Plattformen umzuleiten. Positiv ausgedrückt, hier besteht noch eine Menge Luft nach oben.

Woran liegt die Zurückhaltung? Anleger in Deutschland haben nach Auffassung der Bundesbank eine ausgeprägte Präferenz für liquide oder als risikoarm wahrgenommene Anlageformen. Ist das Verhalten deutscher Anleger damit irrational, wie es das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung einmal bezeichnete? Als sogenanntes “rationales Anlageverhalten” gilt unter Ökonomen eine Diversifikationsstrategie, die sich aus der “modernen Finanzmarkttheorie” ableiten lässt. Die Robo-Advisor legen zwar ihre Berechnungsalgorithmen nicht im Detail offen, sie basieren aber meist auf Modellen der “modernen Finanzmarkttheorie”. Das vermeintlich irrationale Verhalten begründen Ökonomen gern mit “fehlendem oder geringen Wissen um ökonomische oder finanzielle Zusammenhänge”. Verhaltensökonomen wie Daniel Kahneman bezeichnen eine vielfach experimentell nachgewiesene “kognitive Verzerrung” als Verlustaversion nach der sich Menschen mehrheitlich mehr über den Verlust von 100 Euro ärgern als sich über den Gewinn von 100 EURO freuen.

Ob dieses Verhalten wirklich irrational ist, wird aber von immer mehr Wissenschaftlern bezweifelt. Ein prominenter Vertreter ist etwa der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb, der vor allem mit seinem Buch “Der Schwarze Schwan” bekannt wurde. In seinem neuesten Buch “Das Risiko und sein Preis: Skin in the Game” kritisiert er zum wiederholten Male die ökonomischen Modelle. Ökonomen, so Taleb, würden nicht begreifen, dass komplexe Systeme keine offensichtlichen eindimensionalen Ursache-Wirkungs-Mechanismen haben und bestimmte Risiken (er spricht insbesondere von Tailrisiken, also Risiken von seltenen Ereignissen, die aber hohe Wirkungen haben) in ökonomischen Modellen weggerechnet werden.