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Dani Parthum Wer verliert gerade an den Börsen massiv Geld? Niemand!

Dani Parthum
Dani Parthum
© Tom Salt
Pyrotechnischer Wortschatz hat derzeit Konjunktur — immer dann, wenn die Aktienmärkte nach unten ausbrechen: Da wird Geld verbrannt, werden Werte vernichtet. Und viele hoffen, dass die Kurse bald wieder explodieren. Ein Appell für Klarheit in bewegten Börsenzeiten

Ja, da gibt es nichts zu beschönigen. Die Börsendaten sind zurzeit erschreckend. Wer am 22. April 10.000 Euro in SAP-Aktien investiert hat, hat zwei Monate später mehr als 1700 Euro verloren. Halt! Nicht verloren. Das Geld ist nicht weg. Die Aktie hat vielmehr an Wert eingebüßt – von 52,32 Euro ist sie auf 43,40 Euro gesunken. Das aber ist etwas anderes. Geht etwas verloren, waren wir unachtsam. Oft haben wir auch die Hoffnung, dass wir es wiederfinden oder jemand das Verlorene zurückgibt. Das trifft an der Börse nicht zu.

Denn was passiert mit unserem Geld, wenn wir beispielsweise in eine Aktie investieren? Wir kaufen jemandem die Aktie ab. Der Verkäufer könnte das Unternehmen selbst sein, in das wir investieren wollen. Das ist der Fall, wenn das Unternehmen seine Anteile zum ersten Mal zum Kauf anbietet, beim Börsengang. Dann erhalten die Unternehmensgründer:innen unser Geld. Der Verkäufer könnte aber auch eine Privatanlegerin sein, so wie wir, oder eine Bank. Dann haben die unser Geld. Aktie gegen Geld also. Und wer unser Geld besitzt, dem kann es egal sein, welchen Kurs die Aktien nach dem Verkauf hat.

Uns als Aktienbesitzer:in aber interessiert freilich genau das, die künftige Kursentwicklung. Wir hoffen auf steigende Kurse. Der Wert einer Aktie bildet sich kurzfristig im Grundsatz aus Angebot und Nachfrage. Ist die Nachfrage groß, steigt ihr Preis, weil die Anzahl der Unternehmensanteile begrenzt ist und an der Börse der Höchstbietende die Aktie erhält. Der Wert legt also zu. Wollen dagegen viele verkaufen, wird die Aktie günstiger. Ihr Wert sinkt.

Das beobachten wir zurzeit in großem Maßstab an den Börsen. Viele Anleger:innen verkaufen aus unterschiedlichen Gründen hohe Bestände an Aktien, die auf der anderen Seite zu wenig Käufer:innen finden. In der Folge sinken die Kurse und damit die Werte vieler Aktien in unseren Depots und damit auch in Aktien-ETFs. An der Börse wird also kein Geld verloren, da kullert nichts auf dem Boden herum. Es geht auch kein Geld in Flammen auf, selbst wenn sich das für manche so anfühlen mag, oder endet in der Müllverbrennungsanlage. Es wechselt lediglich die Besitzer:innen.

Wer vernichtet unser Geld?

Was dagegen passiert, ist, dass Aktien nicht mehr so wertvoll weil weniger nachgefragt sind und dadurch Vermögen vernichtet werden. Vernichtet? Wer vernichtet hier unser Vermögen? Vernichten ist ein aktiver Prozess. Da tut jemand etwas, wie in der Müllverbrennungsanlage. Am Ende bleibt im besten Fall nur Asche übrig. Auch das trifft auf das Geschehen an den Wertpapier- und Rohstoffmärkten nicht zu. Aktienkurse sind das Ergebnis einer Vielzahl von unterschiedlichen Einflüssen. Da greift keiner gottähnlich aktiv ein und zerstört.

Der entscheidende Unterschied zwischen Buchverlusten und realen Verluste

Vielmehr schrumpft unser Vermögen vorübergehend auf Depotauszügen. Wir haben sogenannte Buchverluste, aber keine realen Verluste. Solange wir unsere Wertpapiere nicht zu einem niedrigeren Kurs verkaufen, als wir sie gekauft haben, erleiden wir keine Geldverluste. Erst, wenn wir das Wertpapier zurück in Geld verwandeln, also es verkaufen, wird abgerechnet: Dann hoffentlich mit Gewinn und nicht mit Verlust. Wenn wir zu einem geringeren Preis als dem Einkaufskurs unsere Wertpapiere verkauft haben, vernichten wir selbst unser Geld. Nicht automatisch, sondern aktiv.

Aktienmärkte schwanken im Zeitablauf über die Jahrzehnte. Sie sind ein Spiegel unserer Art zu wirtschaften und zu leben. Nach einem Tal kam bis jetzt immer ein Hoch und dann schreiben die Gazetten wieder Überschriften wie: „Warum explodieren denn heute die Kurse?“ Wahlweise explodieren auch die Inflation, Verbraucherpreise oder Kryptowerte.

Wenn Kurse, Inflation und Warenpreise explodieren, wo sind sie dann hin?

Ich stelle mir das immer bildlich vor. Wie ein Kurs sich ruckartig ausdehnt und zerbirst, unter großem Druck und mit lautem Knall zerstört wird. Oder die explodierenden Energiepreise. Rumms. Weg sind sie. Von der Kraft der Explosion pulverisiert. Explodierendes im Zusammenhang mit Geld ist sprachlicher Unfug und fachlicher dazu. Ausgedrückt werden soll das Gegenteil: Dass Kurse zulegen, die Inflation steigt und Waren teurer werden.

Sie meinen, das ist Wortklauberei? Keineswegs!

Worte formen Gedanken und Gefühle und bestimmen Verhalten

Ein Schlüssel zum langfristig erfolgreichen Investieren ist das Wissen um Zusammenhänge, ausgedrückt in der richtigen Verwendung von Sprache und Fachbegriffen. Worte bestimmen unser Denken, formen Bilder und Emotionen und lenken damit unser Handeln. Überlegen Sie mal: Wenn Sie sagen: An der Börse wird Geld verbrannt und vernichtet. Und ich kann es auch verlieren. Was denken Sie dann? Sicher nicht: Das will ich auch!

Wer Sachverhalte mit falschen Bildern besetzt, vernebelt Zusammenhänge und versteht sie nicht. Besonders in Stress- und Schockphasen aber brauchen wir Klarheit, um unseren Entscheidungen vertrauen zu können. Das bewahrt vor emotional-hektischen Entscheidungen. Nur so sind eigene, langfristig tragbare Finanzentscheidungen möglich und führen zum Erfolg.

Dani Parthum ist Diplom-Ökonomin, Geldcoach, Finanzbloggerin und Buchautorin. Unter der Marke Geldfrau unterstützt sie Frauen dabei, ihre Angst vor Finanzen abzulegen und für sich selbst Strategien zu entwickeln, selbstbestimmt mit Geld umzugehen und Vermögen aufzubauen. Ihre gesammelten Kolumnen für Capital finden sich hier.


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