FinanzmarktWas die Europawahl für Anleger bedeutet

In den Niederlanden wurde bereits am Donnerstag gewählt
In den Niederlanden wurde bereits am Donnerstag gewähltEuropean Union 2019 - EP / Robert Meerding

Mit dem Hashtag #EuropaistdieAntwort wirbt die SPD angesichts der bevorstehenden Europawahl für ihre Partei. Wie viele EU-Wähler die Aussage des Hashtags teilen, ist derzeit jedoch schwer abzusehen. Bei der neunten Wahl des Europäischen Parlaments erwarten Experten ein starkes Ergebnis für rechtspopulistische Parteien, gleichzeitig droht der Brexit – der mehr denn alles andere zeigt, dass Europa nicht für alle Staaten die Antwort ist. Am europäischen Finanzmarkt sorgen diese Aussichten für Unsicherheit. Wie berechtigt diese Unsicherheit ist, darüber sind sich Finanzprofis allerdings uneins.

Für Robert Greil ist klar: „Mit den Wahlen zum Europaparlament winkt ein Unruheherd für Investoren.“ Der Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers rechnet „nach dem jüngsten Anstieg der Marktvolatilität im weiteren Mai-Verlauf mit anhaltend höheren Schwankungen.“ Auch Senior Economist Reto Cueni von Vontobel Asset Management sieht die EU aktuell mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Vor allem der Brexit werfe einen Schatten auf die bevorstehende Wahl – insbesondere, da Großbritannien nun doch daran teilnimmt und dadurch eine europafeindliche britische Partei auf EU-Ebene einflussreicher werden könnte. Zwar rechnet Cueni damit, dass europaskeptische Parteien weiterhin die Minderheit im Parlament stellen werden. Dennoch könnten sie so stark abschneiden, dass sich auf der nationalen Länderebene einiges verändern wird.

In Italien könnte ein gutes Ergebnis der rechtspopulistischen Lega zu Neuwahlen führen – mit einem Sieg der Rechten. Das käme zwar Italiens Wirtschaft zugute, würde Anleger aber verunsichern. Insgesamt erwartet Cueni jedoch keine „substantiellen Umwälzungen“ durch die Wahlen. Das liegt auch daran, dass er ein Auseinanderbrechen der Währungsunion für unwahrscheinlich hält. Selbst eine europaskeptische Regierung wie in Italien wolle schließlich am Euro festhalten.

Der Handelsstreit ist wichtiger

Von einem Desaster für manch nationale Regierung geht auch Daniel Hartmann aus. Der Chefvolkswirt beim Hannoveraner Fondsanbieter Bantleon prophezeit vor allem der Großen Koalition in Deutschland herbe Verluste und hält Neuwahlen in Italien für realistisch. In beiden Fällen wären die Folgen jedoch nicht katastrophal. In Deutschland seien die Alternativen zur GroKo mit einer Jamaika-Konstellation oder Schwarz-Grün „wenig erschreckend“. Und eine neue, rechte Regierung in Italien „sollte stabiler sein als die bisherige.“ Nicht nur die populistischen Parteien würden gewinnen, sondern auch die Grünen und Liberalen. Gemäßigte Parteien bildeten also weiterhin die Mehrheit im EU-Parlament, ist Hartmann überzeugt. Die Sorge um die Europawahl sei seiner Meinung deshalb „viel Lärm um nichts“. Größere Unsicherheiten für Anleger ergäben sich stattdessen aus dem Handelsstreit zwischen den USA und China.

Die Unwägbarkeiten des Donald Trump sind für viele Experten derzeit das eigentliche Problem. Der US-Präsident kündigt ein wichtiges Abkommen nach dem anderen auf und droht Europa mit Strafzöllen. Der Handelsstreit mit China verunsichert die Märkte weiterhin. Immerhin sendet die Regierung in Peking positive Signale in Richtung Europa, dürfte doch die dortige Wirtschaftsdynamik exportorientierte Länder wie Deutschland beflügeln. Laut Hartmann könnten risikoreiche Wertpapiere deshalb in diesem Jahr besonders gut abschneiden, sichere Anlagen hingegen Verluste machen.

Mit Blick auf die Europawahl gibt es einen weiteren Hoffnungsschimmer: Der aktuelle Skandal der rechten Regierungspartei FPÖ in Österreich könnte populistischen Kräften gerade im richtigen Moment auf die Füße fallen. „Allenfalls ein erdrutschartiger Sieg der Rechten würde vermutlich ausreichen, um eine sichtbare Marktreaktion hervorzurufen“, sagt Blackrock-Stratege Martin Lück – und der Skandal um das Ibiza-Video hat diesen Sieg ein wenig unwahrscheinlicher gemacht.