KolumneWarum wir uns die Wall Street als Vorbild nehmen sollten

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Das Argument für die deutsche Energiewende und für die heutige Klimapolitik lautet, Deutschland müsse als wohlhabende Nation mit gutem Beispiel vorangehen, um andere von der Sinnhaftigkeit des deutschen Weges durch Taten zu überzeugen. Wenn man bedenkt, dass Lernen üblicherweise Imitation bedeutet, dann kann man der Logik einiges abgewinnen. Daher ist zu hoffen, dass erstens der deutsche Weg erfolgreich verläuft und zweitens andere Länder diesem Erfolgsmodell dann nacheifern.

Was aber den bisherigen Erfolg angeht, so wird die aktuelle Energie- und Klimapolitik von Kennern eher als Misserfolg eingestuft, weil die selbst gesetzten Ziele nicht erreicht wurden, der Subventionsaufwand gigantisch ist, die Energiepreise stark angestiegen sind und der weltweite Klimaeffekt sich auf nahezu Null beläuft. Daher hatte das Wall Street Journal bekanntlich getitelt, Deutschland habe die dümmste Energiepolitik der Welt. Vielleicht muss man aber dem Ganzen noch mehr Zeit einräumen, damit sie ihre vorteilhafte Wirkung entfaltet.

Beim zweiten Kriterium, der Orientierung an einem Vorbild, hapert es bislang ebenfalls. Denn hier sollte Deutschland wiederum selbst Vorreiter sein und zeigen, wie man sich an anderen vorbildlichen Ländern orientiert. So könnte die Bundesrepublik hingehen, und mit der oben genannten Logik – unabhängig von der Klimafrage – eine Politik einschlagen, die etwa die amerikanische Wohlstandspolitik nachzeichnet. Ich spreche hier von der Wohlstandsmaschine Wall Street, die im Laufe der Jahrzehnte enorme Vermögensmehrungen ermöglicht hat. Dazu müsste die Politik einen kapitalmarktfreundlichen Kurs einschlagen und vor allem müsste sie an einem gedeihenden Aktienmarkt Interesse zeigen.

Die Wall Street macht es vor

Der Grund, warum das Durchschnitts- und Medianvermögen der Amerikaner so unerreichbar weit oberhalb des vergleichbaren Vermögens deutscher Bürger liegt, besteht in der viel höheren Eigentumsbeteiligung an der Wirtschaft. Nahezu alle großen börsennotierten Unternehmen der westlichen Welt befinden sich überwiegend in amerikanischem Besitz. Für US-Gesellschaften gilt das selbstredend: Amazon (zu 65 Prozent in amerikanischem Besitz) und Microsoft (zu 80 Prozent in amerikanischem Besitz) sind zusammen inzwischen mehr wert als alle börsennotierten deutschen Aktien zusammen. Das sollte uns zu denken geben; aber auch bei den meisten Dax-Konzernen stellen US-Investoren die größte Eigentümergruppe.

Weil aber in den Unternehmen der Welt die Wertschöpfung und Wohlstandsmehrung stattfindet, wäre es klug, wenn sich deutsche Bürger diesbezüglich stärker am amerikanischen Denken ausrichteten. Wenn wir Deutschen erwarten, dass sich andere Länder an unserer eher erfolglosen Energie- und Klimapolitik orientieren, dann steht es uns doch gut zu Gesicht, unsereins Vorbilder auf jenen Gebieten nachzuahmen, wo andere Länder wesentlich bessere Resultate erwirtschaften.

Es wird nicht reichen, mit Besserwisserei die Welt von einer an sich gescheiterten Politik zu überzeugen, wenn Deutschland nicht selber willens ist, sich auf Feldern, auf denen man ganz schwach dasteht, fortzubewegen und erfolgreiche Länder zur Wegweisung zu nutzen.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns