KolumneWarum die Finanzbranche in Deutschland eine Männerwelt ist

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Capital-Chefkorrespondent in FrankfurtGene Glover

Eigentlich ging es um die Zinslage, aber dann platzte plötzlich aus meinem Gesprächspartner etwas ganz anderes heraus. „Jetzt schauen Sie sich das mal an“, forderte mich der Fondsmanager einer großen deutschen Gesellschaft auf und zeigte auf die Menschenmasse vor uns. „95 Prozent der Leute hier sind Männer um die 50 in dunklen Anzügen.“ Und dann, nach etwas Nachdenken: „Wir haben ein echtes Problem, hier sieht man es auf einen Blick.“

Ich konnte nicht widersprechen. Gesprochen habe ich (Mann, Mitte 40) ihn (Mann, Ende 40) am Dienstag auf dem Strategietag der US-Bank Goldman Sachs im Konferenzzentrum „Kap Europa“. Es war Kaffeepause, er und ich betrieben – wie die rund 400 Mitarbeiter von Banken, Fondsgesellschaften und Vermögensverwaltern den typischen Small Talk.

Nicht nur, dass draußen vor dem Konferenzraum der Anteil der Frauen mikroskopisch war. Die wenigen Frauen verschwanden auch noch optisch, mehrheitlich in ebenfalls dunklen Kostümen gekleidet, in der Herde der Mover und Shaker in schwarzen und blauen Herrenanzügen. Auch drinnen, bei den Vorträgen und auf den Panels, sprachen im Tagesverlauf 16 Männer und eine Frau über das Beta der Märkte und das Alpha der Manager.

In den 60er-Jahren hängengeblieben

Die alljährliche Goldman-Konferenz ist noch harmlos und auf einem hohen Niveau. Die großen Messen der Fondsbranche und auch anderer Finanzdienstleister und –vermittler in Deutschland sind mehrheitlich Veranstaltungen, an denen sich Männer, Männer und nochmals Männer vorbei an Hostessen in kurzen Röcken durch die Hallen schieben. Hallen, die man durch einen Pulk an draußen stehenden Rauchern betritt und drinnen olfaktorisch grenzwertig sind, weil auf diesen Messen nun mal viel gegessen und noch mehr getrunken wird.

Niemand muss sich Serien auf Netflix wie „Mad Men“ ansehen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie es in der Arbeitswelt der 60er ausgesehen haben muss. Die größten Finanzmessen in Deutschland tun es auch, hier kann selbst Dieter Bohlen eine Keynote vor tausenden Leuten halten.

Ich selbst habe, zugegeben, den Blick für diese testosterondampfenden Verhältnisse schon lange verloren und rede mir ein, in anderen Branchen und Messen sei das doch gewiss ähnlich. Ein klarer Fall von Branchenblindheit. Gelegentlich werde ich aber an dieses Defizit erinnert, etwa, als ich eine chinesische Fondsmanagerin bei ihrem ersten Deutschlandbesuch auf einer Messe zum Interview traf. „Und dieser Branche und diesen Leuten hier geben die Menschen ihr Geld?“, fragte sie mich nach einem für sie unübersehbar schockierenden Marsch durch die Messehalle.

Auch der australische Hedgefondsmanager John Hempton teilte kürzlich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter seine Verwunderung. „Ich dachte, die australische Investmentindustrie sei exzessiv männerdominiert – bis ich zu einer Konferenz in Deutschland reiste“, twitterte er. Das ganze sei ein „totales Wurstfestival“.

Sie alle haben einen Punkt. Denn wenn es darum geht, warum wir in Deutschland keine bessere Anlage- und Aktienkultur haben, müssen laut Branchenvertretern meist andere ran. Die Medien mit mehr Aufklärung, Berlin mit mehr Förderung, die Schulen mit mehr Finanzbildung, und natürlich die Anleger selbst mit mehr Mut.