Kolumne Warum die Börse einen Gezeitenwandel erlebt

Christoph Bruns
Christoph Bruns
© Lyndon French
Während die wichtigsten Aktienindizes eine positive Entwicklung verzeichnen, ist so manche Aktie, die sich vor Monaten noch großer Beliebtheit erfreute, zuletzt unter Abgabedruck geraten. Abseits der Indizes können Anleger aber profitable Alternativen finden

Zu den ältesten Binsenweisheiten an der Börse gehört der Satz: Eine Flut hebt alle Boote. Aber zu der aktuellen Börsensituation scheint diese gut belegte Beobachtung nicht recht zu passen. Die Art und Weise, wie man heutzutage Flut und Ebbe diagnostiziert, mag dazu einen Beitrag leisten.

Ob sich ein Aktienmarkt im Aufwärtstrend befindet, wird landläufig anhand der Kursentwicklung von Börsenindizes beurteilt. In Deutschland schauen Medienvertreter und Anleger ganz überwiegend auf den DAX Index, um ein Urteil über Hausse und Baisse abzuleiten. Das französische Pendant zum DAX ist der CAC 40 und in London schaut man intensiv auf den FTSE 100 Index. Am Weltleitmarkt Wallstreet geht es vor allem um den S&P500, wiewohl auch der Index der Börse Nasdaq bedeutungsvoll ist.

Schaut man auf die genannten Aktienindizes, dann kann man der Schlussfolgerung nicht ausweichen, dass die Aktienmärkte sich seit März 2009 in einer starken Aufwärtsentwicklung befinden. Wenn man aber die Mikrostruktur der Aktienmärkte genauer analysiert, dann fällt auf, dass viele Aktien sich in einer Korrektur wenn nicht gar in einem Bärenmarkt befinden.

Gerade solche Aktien, die noch vor Monaten hohe Beliebtheit bei der Anlegergemeinde aufwiesen, sind zuletzt unter erheblichen Abgabedruck geraten. Auf dem deutschen Kurszetteln fallen z.B. Curevac, Global Fashion Group oder Teamviewer in diese Kategorie.

Nicht alle Aktien haben am Indizeaufschwung teil

Noch viel ausgeprägter ist das Phänomen in den Vereinigten Staaten, wo vormalige Zauberaktien wie z.B. Peloton Interactive, Zoom Communications, Chegg, Roku, Activision Blizzard, VMWare, Lyft, Tripadvisor Robin Hood und viele andere zackige Kursrückgänge von 30 Prozent bis 70 Prozent erlebten. Bei chinesischen Blue-Chips ist es ebenfalls zu drastischen Kurseinbrüchen gekommen, wenn man etwa an Alibaba, Baidu und Didi Global denkt.

Derweil schreitet der S&P500 Index von einem Hoch zum nächsten. Des Rätsels Lösung liegt in dem Gewichtungsschema des S&P500. Die dort am höchsten gewichteten Aktien mit Namen Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Tesla und Meta Platforms dominieren die Indexentwicklung. Angeschoben durch hohe Zuflüsse bei Indexfonds sind die genannten Titel über Bewertungsthemen erhaben.

Immerhin gibt es aber zugleich eine große Anzahl günstig bewerteter Aktien, die an dem großen Indexaufschwung der vergangenen Jahre kaum teilgenommen haben. Insofern hat die Börsenflut keineswegs alle Boote angehoben, wie dies in der Vergangenheit tendenziell der Fall war. Darin liegt aber eine erfreuliche Botschaft. Denn es mag zur Aktienanlage aktuell keine attraktive Alternative geben, aber zu den hochgewichteten und oftmals voll bewerteten Indexaktien gibt es sehr wohl Alternativen, sofern man sich bei den geringeren Marktkapitalisierungen umsieht.

Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns


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