AnalyseWarum der Dax sich gerade selbst übertrifft

Dax erstmals über 16.000 Punktendpa

Von wegen Sommerflaute. Zuletzt hatten ja viele Marktbeobachter und Analysten gedacht, der deutsche Leitindex hätte bereits in der vergangenen Woche sein Pulver verschossen. Da kletterte er nämlich schon stark in die Höhe und legte von 15.509 Punkten auf rund 15.800 Punkte zu.

So mancher rechnete danach sogar mit einem kleinen Einbruch. Weil es häufig so ist, dass Investoren nach einem größeren Anstieg ihre zwischenzeitlichen Wochengewinne mitnehmen. Erst recht, wenn die Zeiten so unsicher sind wie dieser Tage: Die Coronapandemie nimmt allmählich wieder Fahrt auf und sorgt für einige Zweifel, wie lange das derzeitige Wachstum noch anhält. Zudem ist in den Sommermonaten allgemein nicht viel von den Märkten zu erwarten. Es wird weniger gehandelt, das alles bewegt die Kurse normalerweise kaum. Und jetzt das.

Am Freitagmorgen knackte der Dax-Index einen neuen Rekord. Er stieg auf über 16.029 Punkte und durchbrach damit eine psychologisch wichtige Marke, von der viele Analysten bis dahin gedacht hatten, sie werde in diesem wechselhaften Sommer noch eine Weile die Obergrenze des Index bleiben – weil sich die Börsen derzeit eher im Sägezahnmuster fortbewegen: eine Woche nach oben, eine nach unten, wieder eine nach oben. Nun aber scheint der Trend erst einmal weiter aufwärts zu gehen. Aber wie kann das sein?
Es sind vor allem drei Gründe, die den deutschen Index beflügeln:

1. Die Bilanzen sind besser als gedacht

Zurzeit läuft die Bilanzsaison auf Hochtouren und immer mehr deutsche Unternehmen legen ihre neuen Quartalszahlen und Ausblicke fürs laufende Jahr vor. Und die sind tatsächlich besser als gedacht. Schon in der vergangenen Woche sorgten die Zahlen von Siemens, Merck und Bayer für positive Stimmung an der Börse. Sie waren auch einer der Hauptgründe für den Punktezuwachs in der Vorwoche. Aber auch in dieser Woche rissen die positiven Nachrichten nicht ab: Bei der Deutschen Telekom läuft’s wieder sehr rund, der Konsumgüterhersteller Henkel erhöhte seine Umsatzprognose, auch der Baukonzern Bilfinger legte gute Daten vor und der Dax-Neuzugang Delivery Hero will weiter wachsen, mit einem Zukauf im Ausland.

Das alles sorgt für gute Stimmung auf dem Frankfurter Parkett und führte dazu, dass sich etliche Investoren eben nicht – wie gefürchtet – nach der guten Vorwoche gleich wieder aus dem Markt verabschiedeten. Sondern sie fassten neuen Mut und stockten ihre Bestände sogar leicht auf.

2. Die Notenbanken geben wieder einmal Grund zur Hoffnung

Dazu kommt der Optimismus, der auch aus Amerika zu uns herüberweht. Seit Mittwoch liegen die neuen US-Inflationszahlen vor und sie zerstreuten vor allem eine Sorge: die vor einer drohenden Zinsanhebung der amerikanischen Notenbank Fed. Denn die Teuerungsrate in den USA bleibt zwar mit 5,4 Prozent weiterhin hoch, aber die Betonung dabei liegt eben auf „bleibt“. Sie steigt zumindest nicht weiter an.

Das lässt nun viele Ökonomen hoffen, dass sich der irre Preisanstieg etwas beruhigen könnte und eben doch nur ein vorübergehendes Phänomen der Coronakrise war. Zumindest macht es ein Verharren der Inflationsrate auf diesem Niveau nun wahrscheinlicher, dass die Fed weiterhin nicht strenger in den Markt eingreifen wird. Sie hatte ja bereits eine straffere Geldpolitik in Aussicht gestellt und ein Auslaufen der Anleihenaufkäufe, aber frühestens ab dem kommenden Jahr.

Darauf hat sich der Markt bisher verlassen. Und er würde es auch weiterhin gerne tun. Stiege nun aber die Inflationsrate schneller als bisher gedacht, dann würde es wahrscheinlicher, dass die Notenbank doch vorzeitig eingriffe. Aber mit den Zahlen vom Mittwoch sieht es nicht danach aus. Die Sorge vor einer plötzlichen Zinsanhebung ebbt damit erst einmal weiter ab.

Zudem sinken die Arbeitslosenzahlen in den USA ebenfalls weiter. Das zeigt, dass sich die Wirtschaft dauerhaft erholt und auch wieder stetig wächst. Die Erholung nach der Pandemie ist also in vollem Gange – trotz derzeit um sich greifender Deltavariante.
Diese beiden Faktoren hoben auch an der Wall Street diese Woche deutlich die Laune und den Dow Jones. Der US-Leitindex steht nun ebenfalls wieder bei rund 35.500 Punkten. Und er bereitete sozusagen in der zweiten Wochenhälfte den Rückenwind für den deutschen Dax.

3. Die Investoren stocken ihre Europabestände auf

Einen dritten Push-Effekt lieferten die Bewertungen europäischer Aktien. Eine Reihe von Analysten und institutionellen Anlegern hatte in den vergangenen Wochen deutlich dazu ermuntert, die Bestände an Europaaktien aufzustocken. Denn momentan hinken sie den amerikanischen Pendants noch arg hinterher.

Zuletzt haben die steigenden Kurse zwar dazu geführt, dass bei allen drei Indizes die Kurs-Gewinn-Verhältnisse gesunken sind, sowohl beim amerikanischen S&P 500 als auch beim Eurostoxx und Dax. Im Vergleich fällt aber auf, dass die US-Aktien immer noch höher bewertet sind als im langjährigen Schnitt. Derzeit steht das KGV noch über 20, normal ist auf längere Sicht eher ein KGV von 16. Der Dax ist inzwischen sogar weit unter die 20er-Marke gerutscht. Aktuell notiert sein KGV bei 14. Damit liegen die Dax-Aktien sogar jetzt in der Boom-Phase also noch hinter dem Langfrist-KGV der amerikanischen Aktien.

Einen geradezu beachtlichen Einbruch aber legte zuletzt der Eurostoxx50 hin: Noch im April kam er auf ein KGV von 50, im Juni/Juli dann korrigierte das KGV auf 40 herunter, aktuell liegt es bei rund 25. Sieht man sich die 50 Werte des Index an, dann kommt rund die Hälfte der Unternehmen auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 20. Die andere Hälfte aber liegt zumeist satt darunter. Gerade diese niedrigen Bewertungen ermuntern nun etliche Investoren, sich noch ein paar Europaaktien ins Depot zu legen. Denn von diesem niedrigen Niveau des Kurs-Gewinn-Verhältnisses dürften sich die Unternehmen schnell wieder berappeln, wenn die Erholung der Wirtschaft fortschreitet. Spätestens wenn sie ihre nächsten Quartalszahlen vorlegen. Daher mahnt das derzeitige KGV geradezu zum Einstieg.

Und weil viele Investoren genau dieses Aufstocken wagten, zieht es nun auch den deutschen Dax mit nach oben.

Die Rallye könnte noch etwas anhalten

Die große Frage ist nun: Hält der Dax sein Niveau? Und geht die derzeitige Sommerrally noch eine Weile weiter? Zumindest in den nächsten Wochen ist das sehr wahrscheinlich. Denn wenn man genau hinsieht, fällt derzeit eines auf: Der Dax steigt – und er hielt sich nach seinem Anstieg sehr wacker über der 16.000er-Marke. Doch wer schob ihn überhaupt in diese Höhe?

Die großen Tagesgewinner und damit Antriebskräfte des Dax waren am Freitag Adidas (+2,5 Prozent), Siemens Energy (+1,5 Prozent), die Deutsche Bank (+1,37 Prozent) und Fresenius (+1,1 Prozent). Soweit so gut, doch das eigentlich Bemerkenswerte liegt in jenen Firmen, die diesen Aufschwung (noch) nicht mitmachten: Andere Papiere des Dax nämlich hielten sich noch auffällig zurück. SAP legte lediglich 0,08 Prozent zu, Volkswagen sackte sogar um 0,1 Prozent ab, Siemens trat auf der Stelle. Und genau diese Unternehmen sind die Schwergewichte im Index, die auf eine große Marktkapitalisierung kommen und den Leitindex daher viel stärker prägen als viele kleinere andere. Kommen sie angesichts der derzeit guten Gesamtstimmung nun ebenfalls als Nachzügler in Bewegung, dann könnte es noch ein gutes Stückchen weiter nach oben gehen. Von wegen Sommerflaute.