AktienWarum Chinas Börsen hinterherhinken

Sorgenvoller Blick: Chinesische Anleger hatten zuletzt wenig Freude an der Kursentwicklung ihrer AktienIMAGO / ZUMA Wire

In China hat die Coronakrise ihren Anfang genommen, und dort ist sie offenbar auch zuerst wieder vorbei. Unter den großen Volkswirtschaften hat sich jedenfalls im vergangenen Jahr allein China gut entwickelt. Trotz Corona wuchs das Bruttoinlandsprodukt dort um 2,3 Prozent. Die Volksrepublik sei die Konjunkturlokomotive, die die Weltwirtschaft aus dem Pandemie-Tief ziehe, jubelten Volkswirte und Analysen noch zu Jahresbeginn.

Inzwischen ist der Jubel verstummt. Immer mehr Marktbeobachter haben Zweifel, ob Chinas Wachstumspläne realistisch sind. Zwar strebt der Nationale Volkskongress für 2020 ein Plus von mehr als sechs Prozent an, wie das Gremium Anfang März verkündete. Investoren halten dieses Ziel aber offenbar für wenig überzeugend. Während Indizes rund um den Globus steigen, geht es an den chinesischen Aktienmärkten abwärts.

Rückfall in eine autoritäre Wirtschaftspolitik

Egal ob Hongkong oder Festlandchina, auf Monatssicht dominieren an den chinesischen Börsen rote Zahlen. Der Hang Seng, der die Kurse der 50 größten und meistgehandelten Unternehmen auf dem Hongkonger Parkett abbildet, ist rund sieben Prozent im Minus. Der MSCI China A, der die Dickschiffe an den Handelsplätzen in Schanghai und Shenzhen umfasst, hat seit Ende Februar neun Prozent verloren. Der Dax legte im selben Zeitraum um mehr als vier Prozent zu und erreichte Anfang März ein neues Allzeithoch. Und das, obwohl Deutschland derzeit deutlich stärker unter der Pandemie leidet als China.

Hang Seng Index

Hang Seng Index Chart

Die Gründe für die Kursschwäche sind vielfältig, haben aber einen gemeinsamen Hintergrund: Pekings Rückfall in eine extrem autoritäre, repressive Politik. Beispiel Konsum: Dieser dürfte sich zwar bald wieder auf Vorkrisenniveau einpendeln. Das Konsumwachstum habe aber bereits vor Corona geschwächelt, schreibt Daniel Rosen, Gründungspartner und China-Spezialist des New Yorker Research-Hauses Rhodium Group. Den Grund dafür sieht er in einem langsameren Einkommenszuwachs. Diese Entwicklung sei wiederum darauf zurückzuführen, dass der Privatsektor nicht mehr so stark wächst, weil die Regierung von der einst beschlossenen stärkeren Marktorientierung abweicht und den Staat in der Wirtschaft wieder mehr in den Mittelpunkt stellt.

Konsum und privatwirtschaftliche Investitionen sind laut Rosen zwei der wichtigsten Treiber der chinesischen Wirtschaft. „Sie dürften im ersten Halbjahr dank Basiseffekten wieder anspringen, aber in der zweiten Jahreshälfte an Momentum verlieren“, schreibt er. Eine solche Entwicklung würde schwer auf Pekings ehrgeizigen Wachstumszielen lasten. Das liegt an einem der Eckpfeiler des neuen Fünfjahresplans der Kommunistischen Partei: die „Strategie der zwei Kreisläufe“. Sie sieht vor, den Binnenkonsum anzuheizen und die Exportabhängigkeit zu reduzieren – eine Reaktion auf den Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten. Weil das ohne höhere Einkommen aufseiten der Privathaushalte schwierig wird, rechnet Rosen für das laufende Jahr mit maximal 5,6 Prozent Wachstum.

Nicht nur das womöglich überambitionierte Wachstumsziel lässt Investoren vorsichtig werden. Auch Ereignisse wie das dreimonatige Verschwinden von Alibaba-Gründer Jack Ma sind nicht dazu angetan, Vertrauen zu schaffen. Eine mutmaßliche Reaktion Pekings auf die schwächelnden Aktienkurse zeugt von wenig Verständnis für Anlegerbedürfnisse: Anfang März brachte der chinesische Begriff für „Aktienmarkt“ bei dem Kurznachrichtendienst Weibo plötzlich keine Suchergebnisse mehr. Allem Anschein nach sei der Ausdruck vorübergehend zensiert worden, schrieb Bloomberg.

Wiederkehrende Zensur, das brutale Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong, die Verfolgung der Uiguren – die Liste der politischen Verfehlungen Chinas wird immer länger. Man muss sich fragen, welche Folgen Staatspräsident Xi Jinpings Politik der harten Hand für die chinesische Wirtschaft hat, welche Sanktionen drohen und was es für den Wirtschaftsstandort Hongkong bedeutet, wenn Peking dort durchregiert.

Chinesische Einzeltitel sind zu riskant

Erste Reaktionen des Auslands lassen für Anleger nichts Gutes erahnen. Künftig darf etwa die amerikanische Börsenaufsicht SEC Unternehmen, die den nationalen Buchhaltungsstandards nicht genügen, von US-Börsen entfernen. Der „Holding Foreign Companies Accountable Act“, ein Erbe der Trump-Ära, zielt klar auf chinesische Unternehmen ab. Am Mittwoch (24. März) wurde das Gesetz von der SEC angenommen, am Donnerstag brachen die Kurse doppelt gelisteter chinesischer Technologieriesen wie Alibaba, Baidu und JD.com ein.

Alibaba Group Holding Aktie

Alibaba Group Holding Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Anleger haben einerseits jetzt die Chance, prominente chinesische Tech-Werte mit einem Abschlag zu kaufen. Andererseits wachsen die politischen und konjunkturellen Risiken. Weil langfristig wohl kein global orientierter Investor um China herumkommt, bietet sich ein Kompromiss an: Niedrige Kurse zum Einstieg oder zum Nachkaufen nutzen – aber dabei auf eine breite Diversifizierung achten. Chinesische Einzeltitel, und seien die Konzerne dahinter noch so profitabel, sind zu riskant. Dafür hat die chinesische Führung gesorgt.

 


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