MärkteWarum Biden zum Liebling der Börsen avanciert

Zwinkert er nach links oder rechts? Präsidentschaftskandidat Joe Biden hält seine politischen Signale lieber uneindeutig
Zwinkert er nach links oder rechts? Präsidentschaftskandidat Joe Biden hält seine politischen Signale lieber uneindeutigimago images / ZUMA Wire

Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie stark Donald Trumps Chancen auf einen Wahlsieg geschrumpft sind, sollte sich an der Wall Street umhören. Klassischerweise wünscht sich die US-Finanzwelt einen Republikaner im Weißen Haus. Republikanische Präsidenten gelten als unternehmerfreundlich und als Gegner einer strengen Regulierung – mithin also als gut für die Börsen. Trump hat Investoren während seiner Amtszeit in dieser Hinsicht nicht im Stich gelassen. Dennoch wünschen sich immer mehr Profi-Anleger, dass sein Herausforderer Joe Biden die Wahl am 3. November gewinnt. So erklärte etwa Goldman-Sachs-Chefökonom Jan Hatzius jüngst im Interview mit dem Magazin „Forbes“, dass ein Wahlsieg der Demokraten die Investmentbank wahrscheinlich dazu veranlassen würde, ihre Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft heraufzusetzen.

Wie konnte die Stimmung so drehen? Bidens Pläne für den Fall, dass er Präsident der Vereinigten Staaten wird, sind eigentlich eher dazu angetan, Investoren zu verschrecken. So will der Kandidat der Demokratischen Partei unter anderem dem Arbeitsmarkt strengere Regeln auferlegen und Konzerne und wohlhabende US-Bürger höher besteuern. Er will allerdings auch, und das dürfte für viele Anlageprofis den Ausschlag geben, mehr Geld in die Hand nehmen, um der US-Wirtschaft durch die Coronakrise zu helfen. Trump hingegen blockiert ein zweites Hilfspaket – ein Entschluss, der ihm mit Blick auf seine Wahlchancen massiv schaden könnte.

Zwar würde Trump wohl im Fall einer Wiederwahl seinen Blockadekurs aufgeben. „Spätestens nach den Wahlen dürfte der Präsident, wer immer es dann ist, die Mutter aller Stimulationspakete schnüren“, sagt Marko Behring, Asset-Management-Leiter der Fürst Fugger Privatbank. So könne er mit Rückenwind in seine Amtszeit starten. Biden hat indes einen strategischen Vorteil: Als Herausforderer ist er jetzt gar nicht dazu in der Lage, ein Fiskalpaket durchzuwinken. Trumps demonstrative Weigerung, sich mit den Demokraten auf den Umfang eines neuen Hilfspakets zu einigen, wirkt dagegen kleinlich und missgünstig – und erweckt den Anschein, als würde der Präsident die Bürger aus wahltaktischen Gründen darben lassen.

Wenn Biden gewinnt, dürften Investoren davon ausgehen, dass es weitere Konjunkturstimuli gibt, sagt Dickie Hodges, Portfoliomanager bei Nomura Asset Management. „Wenn Biden dann noch ein Regierungsteam aufstellt, dessen Mitglieder zur politischen Mitte zählen, wird das ebenfalls als positiv gewertet werden.“ Die Chance auf großzügige fiskalpolitische Hilfen schätzen viele Investoren offenbar höher ein als die Risiken, die Bidens Regulierungs- und Steuerplänen für die Wall Street bergen. Das ist verständlich. Denn ob Trumps Gegner seine Pläne nach einem Wahlsieg überhaupt umsetzen könnte, hängt davon ab, ob seine Partei die Mehrheit im Senat erringt.

Wie weit Biden gehen könnte, würde sich allerdings erst einige Zeit nach seinem möglichen Wahlsieg zeigen. Anleger sollten deshalb bis auf Weiteres mit einer erhöhten Volatilität am US-Aktienmarkt rechnen, rät Martin Hermann, Fondsmanager bei der Privatbank Berenberg. „Insgesamt sind größere Schwankungen zu erwarten, selbst dann noch, wenn Joe Biden als Wahlsieger feststehen sollte“, sagt er. „Denn es ist unklar, in welchem Umfang er seine wirtschaftspolitische Agenda tatsächlich in die Praxis umsetzen könnte.“

Letztlich bleibt sich die US-Finanzwelt treu: Der Wahlsieger soll die Konjunktur stützen, sich aber ansonsten tunlichst aus der Wirtschaft heraushalten. Das könnte mit Biden als Präsident indes ein frommer Wunsch bleiben, sagt Jörn Quitzau, Leiter des Bereichs Wirtschaftstrends bei Berenberg. „Sollte Biden die Wahl gewinnen, würde der Staat künftig eine deutlich größere Rolle in der Wirtschaft spielen“, prophezeit er. Der Demokrat verfolge eine wirtschaftspolitische Agenda, die jener in den europäischen Sozialstaaten ähnele. Und in Europa, das weiß man spätestens seit der Debatte um Obamacare, herrscht nach Ansicht vieler Amerikaner quasi Sozialismus.