AktienmarktWarum Anleger nicht in Weihnachtsstimmung sind

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Symbolbild KapitalmarktGetty Images

Das Analysehaus Sentix fragt seit dem Jahr 2001 jede Woche rund 5000 Anleger aus mehreren Ländern nach ihren Erwartungen für die Finanzmärkte und die Wirtschaft. Aus den Antworten berechnet das Unternehmen einen Lage-, einen Erwartungs- und einen Gesamtindex. Das jüngste Ergebnis der Investorenbefragung fiel geradezu verheerend aus: Anleger bewerten sowohl die Lage als auch die Aussichten deutlich negativer als noch vor einigen Wochen. Der Erwartungsindex für die Eurozone ist Anfang Dezember das vierte Mal in Folge gesunken und liegt inzwischen tief im negativen Bereich und auf dem niedrigsten Wert seit mehr als sechs Jahren.

Bei Sentix-Chef Manfred Hübner werden Erinnerungen an das Vorkrisenjahr 2007 wach. Seiner Einschätzung nach haben Anleger allen Grund zum Pessimismus. „Während sich die Europäische Zentralbank auf das Ende der milliardenschweren Staatsanleihenkäufe vorbereitet, schmiert die Wirtschaft in erheblichem Tempo ab“, sagt er – und stellt fest: „Die Dynamik des aktuellen Abschwungs gleicht in vielerlei Hinsicht der von 2007.“

Düstere Aussichten

Tatsächlich haben sich die Konjunkturaussichten für die Eurozone zuletzt verschlechtert. Beim Fondsanbieter Axa Investment Managers rechnet man damit, dass sich das Wirtschaftswachstum in der Währungsunion im kommenden Jahr weiter abschwächt. Volkswirtin Apolline Menut verweist auf den Handelsstreit zwischen den USA auf der einen und China sowie der Eurozone auf der anderen Seite. Der Streit bremse den Welthandel, das belaste wiederum die europäischen Exporte. Auch der Ausblick für die Vereinigten Staaten hat sich eingetrübt. Das ist nicht nur für US-Anleger eine schlechte Nachricht, sondern für Investoren auf der ganzen Welt. Die Vereinigten Staaten sind nämlich momentan das Zugpferd der globalen Wirtschaft, und ein Nachfolger für diese Rolle ist nicht in Sicht.

S&P 500 Index

S&P 500 Index Chart

Daneben befeuern diverse politische Krisenherde den Pessimismus der Investoren: etwa der Haushaltsstreit zwischen Italien und der EU, in dem es zwar in der laufenden Woche einen Fortschritt gab, der aber noch immer nicht beigelegt ist. Und die zähen Brexit-Verhandlungen, bei denen dreieinhalb Monate vor dem offiziellen Austrittsdatum noch immer kein Durchbruch zu verzeichnen ist. Kein Wunder, dass viele Anleger nicht mit steigenden Aktienkursen rechnen.

Kaufen, wenn die Kanonen donnern

Die Frage ist, ob die Stimmung ins Positive dreht, sobald die politischen Probleme gelöst sind. Rein wirtschaftlich spreche eigentlich nichts für eine Schwächephase, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg. Er rechnet damit, dass das Wirtschaftswachstum in der Eurozone im kommenden Jahr anzieht, sobald die politischen Unsicherheiten beseitigt sind. Für den Brexit gibt es mit dem 29. März 2019 immerhin ein klares Datum. Spätestens dann werden Fakten geschaffen. Auch der Haushaltsstreit mit Italien kann sich nicht ewig in die Länge ziehen. Und im Handelskrieg geht Schmieding davon aus, dass US-Präsident Donald Trump in absehbarer Zeit einlenkt – nicht zuletzt, weil der Konflikt mittlerweile die US-Wirtschaft belastet.

Klar ist: Von einer Jahresendrally sind die Märkte weit entfernt. Der Dax ist in den ersten zehn Dezember-Tagen deutlich gefallen, auch der US-Aktienindex S&P 500 hat nachgegeben. Sollte es im kommenden Jahr tatsächlich wieder aufwärts gehen, dürfte jetzt ein guter Zeitpunkt sein, um Aktien zu kaufen. Schließlich lautet eine alte Börsenweisheit: Kaufen, wenn die Kanonen donnern – auch wenn der Krieg derzeit nur auf Handelsebene tobt.#