KolumneEin grauer Winter für Europas Konjunktur

Die höheren Energiepreise schmälern die Kaufkraft der Verbraucher
Die höheren Energiepreise schmälern die Kaufkraft der Verbraucherdpa

Eine Serie von politischen Krisen und externen Schocks hat die europäische Konjunktur aus dem Tritt gebracht. An den Märkten grassiert sogar die Angst vor einer Rezession. Vor allem die von den USA geschürten Handelsspannungen lasten auf der Stimmung der Unternehmen. Dazu kommt der Einbruch der Ausfuhren in einige Schwellenländer wie der Türkei, die sich zu sehr in Auslandswährung verschuldet hatten und jetzt eine Anpassungskrise durchleben müssen. Gleichzeitig haben die bis in den November hinein hohen Preise für Heizöl und Kraftstoffe die Kaufkraft der Verbraucher so geschmälert, dass sie ihre Ausgaben für andere Güter und Dienstleistungen einschränken mussten. Seit Oktober trüben zudem die sich zuspitzenden Brexit-Wirren sowie die Reformrolle rückwärts der radikalen Regierung in Rom das Geschäftsklima in Europa.

Für die kommenden Monate zeichnet sich noch kein Ende der aktuellen Wachstumsschwäche in der Eurozone ab. Wir müssen uns zunächst auf weitere schlechte Nachrichten einstellen. Dennoch kann dem grauen Winter ein hellerer Frühling folgen. Denn wirtschaftlich gesehen gibt es weder in Europa noch anderswo in der westlichen Welt einen echten Grund für eine Stagnation oder sogar eine Rezession. Sofern die politischen Risiken, die uns derzeit in Atem halten, nicht voll eintreten, kann sich die Konjunktur wieder erholen. Wie auch der kleine Anstieg der ZEW-Erwartungen im Dezember zeigt, stehen die Chancen dafür nicht schlecht.


source: tradingeconomics.com

Handelskrieg: Wie weit geht Trump?

Trotz gelegentlicher Stillhalteabkommen mit der EU und China schüren die USA weiter die Handelskonflikte mit China und der EU. Derzeit fällt dies Präsident Donald Trump recht leicht, da in den USA – anders als in China, Europa und Japan – die Steuergeschenke an US-Unternehmen und Bürger von Anfang 2018 die Kosten der Handelskriege überdecken. Das dürfte sich 2019 ändern. Mit dem Auslaufen des Fiskalstimulus wird die US-Sonderkonjunktur enden und das Land zu normaleren Wachstumsraten von etwas über zwei Prozent zurückkehren. Der Anreiz für Trump, „Deals“ mit China und der EU abzuschließen statt mit einer weiteren Eskalation den US-Aufschwung und die Chancen der eigenen Wiederwahl zu gefährden, dürfte damit immer größer werden.

Zu den großen Risiken für 2019 gehört auch der Brexit. Inmitten schwerer politischer Turbulenzen zeichnet sich allerdings ab, dass eine überparteiliche Mehrheit im britischen Parlament einen harten Brexit ohne Anschlussabkommen mit der EU verhindern will. Denn ein solcher harter Brexit könnte Großbritannien in eine Rezession stürzen und auch die EU-Wirtschaft für einige Quartale in erhebliche Mitleidenschaft ziehen. Das Risiko eines solchen Unfalls beträgt unseres Erachtens etwa zehn Prozent. Jede andere Lösung würde die Lage entspannen. Die Chance, dass die Briten den Brexit doch noch absagen und in der EU bleiben, dürfte etwa 25 Prozent betragen.

In Italien stößt die radikale Regierung offenbar an ihre Grenzen. Höhere Risikoaufschläge drohen eine Kreditklemme auszulösen. Angesichts dieses Risikos erwarten wir, dass Rom im Haushaltsstreit mit der EU etwas nachgeben und ein geringeres Defizitziel für 2019 akzeptieren wird. Das würde das italienische Problem zwar nicht dauerhaft lösen. Aber es würde zumindest das Risiko vermindern, dass Italien bereits 2019 in eine Schuldenkrise abgleiten könnte.

Höhere Energiepreise dämpfen Konjunktur

Nachdem die deutschen Ausfuhren in die Türkei im Herbst bereits um 33 Prozent eingebrochen sind, dürfte hier das Schlimmste bald vorbei sein. Die Türkei und einige andere Schwellenländer werden voraussichtlich im Winter den Tiefpunkt ihrer Anpassungskrisen erreichen. Ab dann dürften die Ausfuhren in diese Länder nicht weiter sinken. Damit entfiele ein weiterer Faktor, der derzeit die europäische Konjunktur belastet. Ohne die türkische Krise wäre das Wachstum in der Eurozone in diesem Herbst wohl um knapp 0,2 Prozentpunkte höher ausgefallen.

In den vergangenen Monaten haben auch die hohen Kosten für Heizöl und Kraftstoffe unsere Konjunktur spürbar gedämpft. Allein die Energiepreise haben von September bis November 0,8 Prozentpunkte zur Inflationsrate in der Eurozone beigetragen und so die reale Kaufkraft der Verbraucher geschmälert. Der jüngste Rückgang der Rohölpreise auf ein normales Niveau kann dem derzeit lahmenden Konsum im Laufe des Jahres 2019 wieder etwas mehr Schwung verleihen. Auch dies spricht dafür, dass der Winterpause der Konjunktur ein Frühling mit wieder etwas mehr Wachstum folgen kann.