EU-AustrittWas die Brexit-Hängepartie für Anleger bedeutet

7 Lehren aus dem Brexit-Drama
7 Lehren aus dem Brexit-Dramadpa

Es sieht nicht so aus, als ginge das Jahr gemütlich und in Ruhe zu Ende. Zumindest nicht an den Finanzmärkten. Das britische No-Go nämlich – die ausgesetzte Abstimmung über den Vertrag zum EU-Austritt – hat diese Woche schon mächtig für Turbulenzen gesorgt. Und nun folgt auch noch die Vertrauensabstimmung über Premierministerin Theresa May innerhalb der konservativen Unterhaus-Fraktion. Man mag darüber denken, was man will, dass das britische Parlament es bisher noch nicht geschafft hat, endgültig sein finales „Go“ für den EU-Austritt zu erklären. Und ob Premierministerin May richtig liegt mit der Befürchtung, dass es derzeit im Parlament keine Mehrheit für die jüngst ausgehandelten EU-Austrittskonditionen gäbe, das werden die nächsten Tage zeigen. Eine Frage aber dürfte Mittwochabend geklärt werden: Ob die britische Regierungschefin noch den Rückhalt ihrer eigenen Partei genießt. Es könnte sein, dass ihre Leute ihr die Gefolgschaft versagen.

Nun spielen die Fraktionen bereits verschiedene Szenarien durch, was das für das weitere Brexit-Prozedere heißt: Unabhängig davon, wer britischer Premier bliebe oder würde, es gibt im Grunde nur drei Szenarien, den Austritt zu Ende zu führen. Option eins wäre: Es könnte ein neues Referendum geben, um das Volk noch einmal zu befragen und mehr Klarheit über die Stimmung der Bürger zu bekommen. Jetzt, wo viel mehr Fakten als vor zwei Jahren auf dem Tisch liegen, erhoffen sich etliche Brexit-Gegner, dass die Mehrheitsmeinung klar in Richtung „Stay“ geht. Dann bliebe Großbritannien am Ende vielleicht doch in der EU.

Die zweite Option wäre: Die jetzigen Querelen stoppen nur für kurze Zeit den Exit-Prozess – und zwar eventuell bis zum Jahresbeginn, denn über Weihnachten legt das Parlament auf der Insel gewohnheitsmäßig eine Arbeitspause ein. Bliebe das Königreich aber bei seiner Grundansage für die Abspaltung – und von dieser Option gehen derzeit die meisten Beobachter aus – dann wird in jedem Fall die Zeit bis März knapp. Denn spätestens Ende März muss der Austritt vollzogen sein, so wollen es die Vorgaben. Und gibt es bis dahin keine entsprechenden Verträge mit der EU, müssten die Briten – völlig ohne rechtliche Absicherung – einen ungeordneten Ausstieg hinlegen. Das wäre der harte Brexit und der sorgt nicht gerade für Gelassenheit bei den Beteiligten. Erst recht nicht bei denen, die dabei die Wirtschaft im Blick haben.

Börsen knicken ein

Die aufgeschobene Abstimmung hatte schon vor dem angekündigten Misstrauensvotum gegen May Auswirkungen bis weit ans andere Ende der Welt. Die britischen Querelen fraßen sich diese Woche tief in die Kurscharts – sogar in Asien –, weil sich viele Investoren Gedanken machen, wie es nun in England weitergeht. Natürlich waren die Folgen innerhalb Europas an den Börsen am spürbarsten: Der Deutsche Aktienindex Dax gab auf Wochensicht 600 Punkte ab und verlor damit auf Monatssicht rund acht Prozent. Beim Eurostoxx sah es nicht viel besser aus, er büßte auf Wochensicht fast 150 Punkte ein und sackte 6,5 Prozent auf Monatssicht ab. Am heftigsten traf es natürlich erwartungsgemäß den britischen Leitindex FTSE 100, er ging um neun Prozent zurück seit Mitte November. Und dabei ist ja vorerst streng genommen noch gar nichts passiert. Was ist also erst, so fragen sich einige Anleger bang, wenn der Brexit ganz anders abläuft als bisher gehofft? Erheblich turbulenter und ungeplanter nämlich? Das dürfte zu weiteren Verwerfungen führen.

FTSE 100 Index

FTSE 100 Index Chart

Eines vorweg: Man kann versuchen, sich als Aktien- oder Fondsanleger gegen die möglichen Brexit-Folgen abzusichern. Allerdings müssten dazu zwei Dinge zutreffen: Es müsste dann auch wirklich zum ungeordneten Brexit kommen – und nicht etwa zum zweiten Referendum, das den gesamten Prozess noch einmal rückabwickeln würde. Und man müsste das eigene Depot wirklich gründlich durchforsten, um auch alle Finanzprodukte ausfindig zu machen, in denen britische Aktien mit höherem Risiko stecken. Das sind nämlich viel mehr Papiere, als gemeinhin angenommen wird. Somit wären Anleger wesentlich weniger diversifiziert unterwegs, wenn sie wirklich zuverlässig das britische Risiko minimieren wollen würden.

Am einfachsten fiele es noch Fondsanlegern, so könnte man meinen. Sie müssten ja nur Aktienfonds mit Fokus auf Großbritannien meiden. Schließlich gibt es genug Fonds, die auf europäische Unternehmen ex-UK setzen, also auf alle außer die britischen. Interessanterweise verzeichneten aber gerade die Aktien-Europa-ex-UK-Fonds in der Zeit seit dem Brexit-Votum größere Mittelabflüsse. Aus ihnen fließt also Geld ab. Wenn überhaupt, dann entschieden sich Anleger eher für Nebenwertefonds, die englische Aktien ausschließen. Vielen größeren europäischen Indizes und ETFs dagegen blieben die Investoren eher treu. Dabei stecken gerade in ihnen viele Großbritannienaktien. Im Schnitt machen sie bei breit aufgestellten Europaaktienindizes 25 bis 35 Prozent der Papiere aus. Vereinzelt etwas weniger, weil die Kurse bereits stark gelitten haben. Doch mit etwa einem Drittelanteil britischer Papiere sollten Anleger schon rechnen. Das ist enorm viel. Deutsche Aktien sind meist nur zu rund 14 Prozent enthalten, französische zu 16 Prozent.