KolumneUS-Aktienmarkt: eine Frage der Bewertungsperspektive

Händler an der New Yorker Börsedpa

Als Apple Ende April seine Bücher öffnete, hielten einige Anleger die Luft an. Obwohl Analysten zuvor ihre Erwartungen weiter hochgeschraubt hatten, übertraf der Konzern die Umsatzprognose um 12 Mrd. Dollar. Zur Einordnung: Im S&P 500 nahmen 330 Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten weniger als 12 Mrd. Dollar ein. Aber nicht nur Apple meldete sich nach dem Corona-Schock eindrucksvoll zurück, sagt Thomas Meyer zu Drewer, Leiter öffentlicher Vertrieb bei Lyxor ETF Deutschland: „Angetrieben von starken Ergebnissen aus den Bereichen Informationstechnologie, Finanzen und Energie übertrafen 86 Prozent der Unternehmen im S&P 500 die Gewinnerwartungen. Das Ausmaß überraschte selbst die größten Optimisten.“

Inzwischen haben fast alle Firmen berichtet, und das Fazit fällt nicht minder beeindruckend aus. Die Gewinne kletterten um 50 Prozent und lagen gut 22 Prozent über den Schätzungen. Ein Blick in die Historie zeigt: Lediglich im zweiten Quartal 2020 übertrafen die Firmen noch deutlicher die Erwartungen.

Besonders gute Laune entfachte die Tatsache, dass die Nettomargen zurück auf ihren Höchststand aus dem Jahr 2018 von rund 12,5 Prozent zulegten. Mit anderen Worten: Die Unternehmen können die steigenden Kosten für Vorprodukte und Rohstoffe bisher an ihre Kunden weitergeben und die Gewinnspanne sogar ausdehnen. Allerdings wird dieser Prozess wahrscheinlich schon bald an seine Grenzen stoßen. Zunehmend mehr Unternehmen haben Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Besonders die Dienstleistungsbranche dürfte daher schon bald ihre Gehaltsangebote erhöhen, um die offenen Stellen zu besetzen. Dies wird sich negativ auf die Margen und somit Gewinne auswirken.

Weiteres Gewinn- und Umsatzwachstum erwartet

In den richtungsweisenden Prognosen für die kommenden Quartale zeichnet sich dies bereits ab. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum wird für das zweite Quartal mit einem Gewinnwachstum von 60 Prozent gerechnet, die Umsätze sollen um 19 Prozent zulegen. Dieser enorme Anstieg resultiert aus der ungewöhnlich geringen Vergleichsbasis im Vorjahreszeitraum, als der Corona-Absturz die US-Wirtschaft lahm legte. Die Dynamik zeigt aber bereits abwärts: 22 Prozent Gewinnanstieg sind für das dritte Quartal vorgesehen, 17 Prozent für das Abschlussquartal.

Aus fundamentaler Sicht hat sich mit den mutigeren Prognosen die Bewertungsperspektive zumindest leicht entspannt. Nachdem der S&P 500 in der Spitze mit dem 23-fachen Kurs-Gewinn-Verhältnis bewertet wurde, ist die Kennzahl inzwischen auf 21 gefallen. Dennoch: Verglichen mit dem Zehn-Jahres-Durchschnitt von 16 ist der S&P 500 nach wie vor sportlich bewertet.

Der Aufschlag muss aber nicht zwingend über eine Kurskorrektur abgebaut werden, weshalb Seitwärtsprodukte aktuell eine attraktive Alternative zu einem Direkteinstieg sind. Dazu gehören Discountzertifikate, die durch die immer noch hohe Schwankungsintensität günstig bewertet sind, etwa das Discountzertifikat auf den Dow Jones mit der WKN: SD2LKE (Société Générale). Bis zum Verfall im Dezember 2021 erzielen Anleger eine Rendite von 6 Prozent, wenn der Dow Jones im Dezember mindestens bei 35.000 Punkten steht. Allerdings ist das Papier nicht währungsgesichert, weshalb ein steigender Dollar die Rendite erhöhen und ein fallender die Rendite schmälern kann. Das gilt auch für die Discountpapiere auf den Nasdaq 100 (WKN: HR5BRV, onemarkets) und auf den marktbreiten S&P 500 (WKN: KE3QEF, Citigroup).

Hohe Erwartungen dämpfen Euphorie

Sollten die Firmen ähnlich wie im ersten Quartal auch in den kommenden Monaten noch stärkere Bilanzen präsentieren, dürften Analysten ihre Schätzungen weiter nach oben nehmen. Steigende Kurse sind dennoch keine ausgemachte Sache, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben. So reagierten die Notierungen kaum noch auf die beeindruckenden Bilanzen, der Markt hatte eine kräftige Erholung der Unternehmensgewinne größtenteils bereits eingepreist. Angesichts der hohen Erwartungen an das zweite Quartal sowie die Folgemonate erscheint das Potenzial von dieser Seite her ausgeschöpft, selbst wenn die Firmen noch einmal positiv überraschen sollten. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Lieferengpässe, steigende Rohstoffkosten und höhere Löhne zu Bremsspuren in den Bilanzen führen. Konjunktur- und Inflationsdaten sowie die Notenbankpolitik dürften daher stärker in den Fokus der Investoren rücken.

 


Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter Info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com