GeldanlageTeuer erkaufte Sicherheit


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Mal angenommen, jemand würde Sie fragen, ob Sie 140.000 Euro bezahlen würden, um sich vor einem Ereignis zu schützen, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,6 Prozent eintritt. Dieses Ereignis wäre nun keinesfalls etwas total Lebens- oder Existenzbedrohendes, sondern es passierte Folgendes: Sie sparen viele Jahre lang Geld, insgesamt 25.200 Euro, aber Sie bekämen am Ende nicht den Gesamtbetrag zurück, sondern nur einen großen Teil davon. Aber immerhin träte dieser Fall nur zu 0,6 Prozent ein. In den übrigen 99,4 Prozent der Fälle wäre die Auszahlung höher als Ihre Einzahlung. Würden Sie also wirklich 140.000 Euro ausgeben, um sich vor dem Unwahrscheinlichen abzusichern? Es würde mich überraschen, wenn an dieser Stelle viele Menschen sagen würden: Ja, das täte ich.

Die meisten würden eher sagen: Ich bin doch nicht verrückt! Da gehe ich doch lieber das kleine Risiko ein und hoffe, dass trotzdem alles gut geht. Zumal man zu diesem Beispiel noch anmerken müsste, dass die Ausfallquote von 0,6 Prozent nur hypothetischer Natur ist und nicht historischer Natur. Was im Klartext bedeutet, dass Ausfälle zwar in mathematischen Simulationen vorkommen, aber bisher noch nie auf dem tatsächlichen Finanzmarkt zu beobachten waren, zumindest nicht in den vergangenen 40 bis 50 Jahren. Außerdem sehen die weiteren Daten in diesem Beispiel so aus: In rund fünf Prozent aller Fälle bekäme der Sparer rund 100.000 Euro heraus, also viermal so viel, wie er eingezahlt hat. Und das wären wohlgemerkt die schlechtesten fünf Prozent der Fälle. Das heißt, es gibt sogar eine 93-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Auszahlung noch höher ausfallen wird.

Das sind sicherlich gewagte Zahlen. Und wann immer es darum geht, das Geschehen an den Finanzmärkten in die Zukunft hochzurechnen, sollte man vorsichtig sein. Aber würde an dieser Stelle noch jemand sagen, dass es sich tatsächlich lohnt, die 140.000 Euro Kosten in Kauf zu nehmen, statt einfach auf die übrigen 99 Prozent zu hoffen?

Lieber auf Nummer sicher

Sie werden lachen, aber die meisten Anleger tun genau das. Sie vertrauen eben nicht auf den fast sicheren Fall, dass sich das Geld reichlich vermehrt, sondern sie wollen lieber ganz auf Nummer sicher gehen und die Gewissheit haben, dass sie auf alle Fälle ihr Erspartes erhalten. Deshalb verpulvern Sparer Unmengen an Euro für etwas, was in der freien Wildbahn der Finanzmärkte so gut wie gar nicht vorkommt. Sie erkaufen sich mit viel Geld die Garantie, dass sie bloß keinen Euro verlieren.

Nun ist das natürlich ein ernst zu nehmender Anlegerwunsch, der hier gar nicht kleingeredet werden soll. Allerdings müssen die Anleger wissen, dass diese Garantie im Umkehrschluss bedeutet, dass sehr viel Geld in die Absicherung fließt, das somit nicht mehr zum Sparen zur Verfügung steht. Und genau das sagen einem die Produktanbieter nicht.

Bei ihnen heißt es nicht: Vorsicht, mit diesem Produkt verwenden Sie mehr Geld für die krampfhafte Erhaltung Ihres Kapitals, als sie eigentlich ansparen. Sie schmälern also Ihr voraussichtliches Endkapital erheblich. Sondern sie operieren lieber mit den Schlagworten „Sicherheit“ und „Garantie“, die in Anlegerohren immer so gut und solide klingen. Ebenso rechnen die Produktverkäufer in der Beratung nicht vor, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass diese Garantie überhaupt jemals greifen muss. Sondern sie sagen: Unser Sparprodukt bietet die absolute Sicherheit, dass Ihre Einzahlungen später in vollem Umfang zur Verfügung stehen. Wir garantieren Ihnen den Kapitalerhalt. Und wer will das nicht? Was die Verkäufer damit provozieren: Der Anleger denkt kaum noch über wirklich lukrativere Renditechancen nach, sondern nur noch daran, wie unsicher eigentlich alles ist und wie er sich möglichst viel Sicherheit verschafft.

Das Wort Garantie klingt für viele Sparer so verlockend, dass sie viele solcher Verträge unterschreiben. Etwa Riesterverträge, bei denen das Hauptverkaufsargument ist, dass bei Renteneintritt mindestens der eingezahlte Sparbetrag auf dem Kundenkonto steht. Oder Lebens- und Rentenversicherungen, die in klassischer Form neben einer Mindestauszahlsumme noch die Garantiezinsen versprechen, die jährlich gutgeschrieben werden. Viele dieser Verträge versprechen den Kunden nur sehr wenig, das dafür aber mit hundertprozentiger Sicherheit. Wie hoch dabei die Kosten sind, die Sparer für diese Garantien zahlen, rechnen ihnen Anbieter natürlich nie vor. Finanzwissenschaftler der Frankfurt School of Finance haben es getan. Von ihnen stammen die Zahlen in diesem Text.