KolumneSparer in der Nettofalle

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Mit brutto und netto ist das so eine Sache. Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping verwechselte die beiden Mengenangaben im Wahlkampf 1994. Kanzlerin Angela Merkel brachte beides gleich zweimal, 2005 wie 2010, durcheinander.

Darüber kann man schmunzeln. Tatsächlich aber geht der Unterschied zwischen brutto und netto in der öffentlichen Debatte quasi täglich durcheinander. Und das in viel wichtigeren Dingen.

Capital-Cover 04/2018
Die neue Capital

Nehmen wir etwa den Brexit, der dem Finanzplatz Frankfurt eine Menge neuer Jobs bringen soll, die aus London abwandern. In der fiebrigen Vorfreude von Lobbyisten, Maklern und Immobilieneigentümern geht es meist nur um die brutto neu zu schaffenden Jobs. Wie viele aber tatsächlich netto neu entstehen und wie die Geschäfte am Finanzplatz laufen werden, hängt weit stärker von der makroönomischen Entwicklung ab. Dumm nur: Jenes Szenario, das Frankfurt brutto viele neue Jobs bescheren könnte – ein hartes Ausscheiden Großbritanniens –, dürfte die Finanzbranche dann durch den zu erwartenden ökonomischen Schock netto teuer zu stehen kommen. So haben die letzten beiden Rezessionen alleine in Frankfurt in der Bankbranche rund 13 000 Jobs gekostet, im Rhein-Main-Gebiet noch einige Tausend mehr.

Mit brutto und netto munter durcheinander geht es auch beim Gejammer über die Niedrigzinsen. Ja, die Zinsen auf Spar- und Sichteinlagen liegen irgendwo bei null Prozent. Sinn ergibt die Betrachtung von Zinsen allerdings nur real, also nach Abzug der Teuerung. So beträgt die durchschnittliche Realverzinsung von Sparguthaben in der Ära des EZB-Chefs Mario Draghi im Schnitt minus 1,2 Prozent pro Jahr. In der Ära der D-Mark zwischen 1949 und 1999 betrug sie im Schnitt netto, also nach Berücksichtigung der Teuerung, minus 2,7 Prozent pro Jahr. Dies hat der Wirtschaftsweise Peter Bofinger errechnet.

Wer Risiken ausschließt, sperrt auch die Chancen vor die Tür

Und da wäre noch das Geldvermögen der Bundesbürger. In der vom Bild des unmündigen Verbrauchers geprägten Politik sind seit der Finanzkrise rentable, aber kurzfristig schwankende Anlagen wie Aktien und Aktienfonds aus dem Beratungsalltag regulatorisch verbannt worden. Anlagen mit nominalem Kapitalschutz wie Bausparverträge, Rentenversicherungen, Einlagenprodukte aller Art indes nicht.

Brutto hat das schöne Effekte: Das Geldvermögen der Deutschen wächst wie mit dem Lineal gezogen. Ein realer Nettozuwachs von im Schnitt nur 1,7 Prozent pro Jahr ist im internationalen Vergleich allerdings mickrig. Zudem speist er sich größtenteils aus dem Erwerbseinkommen. Sind die Bürger, ja unsere ganze Volkswirtschaft also mit der Regulierung netto gut gefahren?

Zweifel sind erlaubt und gehören in den nun beginnenden Reigen der Zehnjahresrückblicke auf die Finanzkrise. Regulierung kann die simplen Gesetze von Chance und Risiko nun mal nicht auf den Kopf stellen. Wer Risiken ausschließt, sperrt auch die Chancen vor die Tür.