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Daniel Saurenz So verdienen Sie auch in einem schlechten Börsenjahr Geld

Blick in den Handelssaal der Frankfurter Börse
Blick in den Handelssaal der Frankfurter Börse: Der Dax hat sich von seinen Tiefstständen im Sommer erholt
© picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst
2022 war ein perfektes Jahr, um Geld zu vernichten. Wer an der Börse prozyklisch agierte, dürfte auf hohen Verlusten im Depot sitzen. Das muss nicht sein, wenn man ein paar Grundregeln beachtet

Erinnern Sie sich an unsere letzte Kolumne 2021? „2022 wird kein einfaches Börsenjahr“ schrieben wir damals und empfahlen, das Depot abzusichern. Wer es tat, kam verlustfrei durch das turbulente Jahr 2022. Ende September dann fiel der Dax unter 12.000 Zähler – und es sah finster aus. Der Feingold Research Sentimentindikator gab jedoch genau das konträre Signal im Vergleich zu Dezember 2021. Nämlich freie Fahrt zum Einstieg. Seither ist der Dax rund 20 Prozent geklettert.

Die schlechte Nachricht lautet nun, dass die Weihnachtsrally wie so oft Mitte November ihr Ende finden könnte. Die Stimmung ist zu gut und der Sentimentindikator sprang Mitte November wieder auf absichern und verkaufen. Das mag komisch klingen, da das Rekordhoch im Dax längst noch nicht erreicht ist. Kurzfristig aber ist eine Erholung von 20 Prozent in einem mauen Börsenjahr einfach sehr viel. Zumal dann, wenn man Gewinnschätzungen und Rezessionssorgen für die kommenden Monate berücksichtigt.

Was sagen die Analysten?

Zum Jahresende haben Prognosen wieder Hochkonjunktur, auch an der Börse. Analysten haben wieder genau nachgerechnet und präsentieren mit großer Zuverlässigkeit meist umfangreiche Studien, in denen Kursziele für die kommenden zwölf Monate ausgegeben werden. Alles andere als zuverlässig sind aber die konkreten Ergebnisse, wenn diese mit der Wirklichkeit abgeglichen werden. Meist wird nur die Durchschnittsrendite von sieben bis neun Prozent auf den Kurs aufgeschlagen, jeweils mit leichten Abweichungen je nach Marktstimmung.

„Wie schnell solche Prognosen hinfällig sein können, zeigten eindrucksvoll die vergangenen beiden Jahre mit dem Corona-Crash 2020 sowie dem Krieg in der Ukraine“, sagt Ricardo Evangelista, Senior Analyst bei Activtrades. „Hilfreich sind vor allem die aufgeführten Gründe für steigende und fallende Kurse.“

Starke Saisonalität hat begonnen

Es gibt allerdings auch an der Börse bestimmte Zyklen, die eine recht hohe Zuverlässigkeit aufweisen, aber nicht wirklich begründet werden können. Zuletzt sorgte vor allem die 100-Prozent-Strategie auf amerikanischen Portalen für viel Aufsehen. Statistiken könne Orientierung geben, sagt Arkadius Materla von der Multi-Asset-Investitionsplattform Trive. „Rein statistisch gesehen gilt der Zeitraum von November bis April als die renditeträchtigste Phase im Jahresverlauf. So legte der Dow Jones in den vergangenen 70 Jahren im Durchschnitt in diesem Zeitfenster um gut sieben Prozent zu. Verglichen damit fällt der Zuwachs von 0,8 Prozent in den Monaten Mai bis Oktober bescheiden aus“, so Materla.

Kombiniert man nun die starke Phase mit dem US-Wahlzyklus, wird es besonders spannend für die Optimisten. Zwischenwahljahre verlaufen an den Aktienmärkten meist in den ersten neun Monaten schwierig mit einer freundlicheren Tendenz ab dem vierten Quartal. Das Börsenjahr 2022 zeigte dies sehr deutlich. Überraschend ist nun die Tatsache, dass der S&P 500 seit 1950 im Zeitraum von November bis April immer zulegte, wenn der Auftakt in einem Zwischenwahljahr erfolgte.

Ungewöhnliche Statistik

Nicht nur die Trefferquote von 100 Prozent beeindruckt, auch der zu erwartende Zuwachs in diesen sechs Monaten von 15 Prozent liegt weit über dem Durchschnitt. Bedeutet in der Praxis: Die Chancen sind recht gut, dass der marktbreite US-Aktienindex Ende April 2023 über dem Schlussstand vom 31. Oktober bei 3872 Punkten stehen wird. Wie viel, ist natürlich vollkommen offen. 2014 beendete der Markt das Sechs-Monats-Intervall nur drei Prozent höher, 1970 waren es 25 Prozent.

So weit, so erfreulich. Gerade bei Statistiken sollte man aber immer ganz besonders kritisch sein. Die 18 Treffer in Serie sind zwar ungewöhnlich, allerdings handelt es sich auch nur um eine Zeitpunktbetrachtung. Bedeutet: Was dazwischen passiert, wurde nicht berücksichtigt. Genau diese Information ist für Anleger aber wichtig, ähnlich verhält es sich mit den Jahresendprognosen der Analysten. Was nutzt es dem Anleger, wenn der Dax nach zwölf Monaten sechs Prozent höher steht, in der Zwischenzeit aber 20 Prozent in den Keller rauschte? Kaum jemand dürfte die Nerven behalten haben, ganz zu schweigen von Knock-out-Barrieren bei Zertifikaten.

Timing ist wichtig

Jürgen Molnar vom Broker Robomarkets hat daher genau nachgerechnet und alle November bis April-Intervalle seit 1990 für US-Zwischenwahljahre auf Rückschläge untersucht. Ergebnis: „Im Durchschnitt ging es um rund fünf Prozent abwärts, 2002 und 2018 sogar um rund zwölf Prozent. Wer unglücklich in der starken Phase den Einstieg wagte, sollte mit doppelt so hohen Rückschlägen rechnen“, so Molnar.

Und der Dax? Seit 1970 hätte man in neun von 13 Fällen einen Gewinn erzielt, im Durchschnitt ging es um elf Prozent aufwärts. Die Gewinnaussichten sind somit nicht ganz so gut wie beim S&P 500. Zudem gehen Anleger etwas größere Risiken ein, prozentual zweistellige Verluste sind zwischenzeitlich einzuplanen. Nüchtern betrachtet bleibt die Börse somit ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten. Und das macht die Märkte so spannend. 

Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com

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