Kolumne 2022 wird kein lustiges Börsenjahr

Händlerin an der New Yorker Börse
Händlerin an der New Yorker Börse
© dpa
Die Prognosen für das nächste Aktienjahr sehen rosig aus. Fast alle Analysten sehen Dax und S&P 500 steigen. Gibt es eigentlich irgendwo noch Risiken?

Die Lesart am Aktienmarkt ist Ende 2021 sehr einfach. Im kommenden Jahr werden die Zinsen in den USA ein wenig steigen, die Inflation bleibt hoch und die EZB hält an der Nullzinspolitik fest. Also gibt es keinen anderen Fluchtweg als Aktien und dort ist nur die Frage, wie hoch die Rendite ausfällt. Fertig, Geschichte auserzählt, alles wird gut. So einfach könnte es sein, doch sind da draußen wirklich keine Risiken?

Es ist Zeit, die Sinne ein bisschen dafür zu schärfen, dass 2021 vielmehr ein außergewöhnliches Börsenjahr gewesen ist. Weder beim Dax noch beim S&P 500 gab es nennenswerte Korrekturen. Im Grunde kletterten die Indizes an der Schnur gezogen, pausierten nur im Seitwärtsmodus zwischendurch. Ein Rücksetzer von 15 oder 20 Prozent war Fehlanzeige. Genau dies ist in normalen Jahren aber normal und darauf muss man sich 2022 einstellen. Denn Fed und EZB verändern ihre Geldpolitik und eine solche Änderung wird nie im Leben geräuschlos vonstatten gehen.

Geldparkplatz verändert sich

Bisher war das Problem der Nullzinsen auch, dass Geld parken in Cash negativ, sprich mit Gebühren, bestraft wurde. Bei steigenden Zinsen in den USA können Investoren zumindest statt der Bond-Ersatzpapiere wie Apple oder Microsoft den normalen Geldmarkt wieder nutzen ohne direkt Geld draufzulegen. Bei Apple war zuletzt nur die Frage, wann der Marktwert des Konzerns die 3-Billionen-Dollar Grenz knackt und nicht ob. Kurssteigerung als Selbstverständlichkeit ist gefährlich.

„Dazu bremst die Fed nun stärker als erwartet. So war der Markt von ab jetzt 20 Milliarden Reduktion der Anleihekäufe ausgegangen, es sind nun aber 30 Milliarden, erklärt Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment, auch die Rückführung der Anleihekäufe.

Euphorie aber nur kurz

Nach der letzten Fed-Sitzung 2021 waren Anleger zunächst auch bei Tech-Aktien positiv gestimmt. Allerdings waren „die Anleger bereits vor der erwarteten Verschärfung des geldpolitischen Kurses vorsichtiger geworden. Das konnte man zuletzt an den deutlich höheren Cashquoten der internationalen Fondsmanager ablesen“, so Experte Riße. Daher reagierten die Märkte nur mit Erleichterung, weil die Unsicherheit mit der Fed-Entscheidung verschwunden ist. 2022 wird die Unsicherheit zurückkehren und jede Inflationszahl und jeder Konjunkturbericht darauf gecheckt werden, ob schnellere oder langsamere Tempi bei Zinserhöhungen und Inflation zu sehen sind.

2022 wird auch ein Jahr, in dem die Firmen zeigen müssen, was sie können. Die Finanzierung wird etwas teurer, das könnte nicht-profitablen Unternehmen Sorgen bereiten. Schon zuletzt waren Airbnb, Uber, Tesla oder Etsy unter Druck, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dass Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum primär ein „Bullenmarkt“-Vehikel sind, dürfte auch klar sein, wenn man sieht, dass sie bei Schwäche am Aktienmarkt auch direkt unter Druck geraten. Wird leichtes Geld zurückgefahren, so darf man gespannt sein, was mit dem Zockergeld im Kryptomarkt passieren wird.

Es wird auch spannend zu sehen, wie die Welt aus einer Krise herauskommt, die nie dagewesen ist. Falls Corona mit Omikron ausläuft, so werden auch Hilfsprogramme enden. Lieferketten kommen wieder in Gang, Geschäftsmodelle verändern sich erneut.

Glaskugel – nun ja…

Schon jetzt genau zu sagen, was dies für den ein oder anderen bedeutet, was dies mit Arbeitsmärkten und Absatzmärkten macht, wäre beinahe arrogant. Wer die Zeit nach Corona exakt zu deuten weiß, der hat sicher eine Glaskugel. Wir haben sie nicht und auch viele Unternehmen werden gespannt auf das blicken, was ansteht. So etwas ist unsicher und Unsicherheit mögen Investoren nicht.

Zu guter Letzt bleibt wie immer die Politik. Verwerfungen speziell um die Notiz chinesischer Firmen in den USA bergen stets Volatilitätspotenzial und da ist vom chinesischen Immobilienmarkt, von russischem Offensivpotenzial und von den Wahlen in Frankreich oder den Zwischenwahlen in den USA noch nicht einmal die Rede gewesen. Die grundsätzlichen Perspektiven für Aktien sind durchaus positiv, weiterhin, doch eine „gmahde Wiesn“ ist ein tolles Aktienjahr 2022 noch nicht und genau deshalb sollte man in die euphorischen Phasen hinein immer wieder auch Sicherungen ins Depot einziehen.

Daniel Saurenzbetreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter Info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com


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