Kolumne Sind nachhaltige Anlagen finanzielle Massenvernichtungswaffen?

Ein Händler an der New Yorker Börse schaut auf einen Monitor: Grüne Anlagen sind an den Märkten gefragt
Ein Händler an der New Yorker Börse schaut auf einen Monitor: Grüne Anlagen sind an den Märkten gefragt
© IMAGO / UPI Photo
Die grüne Welle rollt: Etwa die Hälfte der europäischen Anlagegelder fließt mittlerweile in Nachhaltigkeitsprodukte. Die massiven Zuflüsse von unkritischen Anlegern blasen die Kurse von ESG-Fonds gefährlich auf. Das Platzen der Blasen ist wohl nur eine Frage der Zeit
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
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Nachhaltiges Investieren („Social Responsible Investments“ oder kurz SRI) wird immer populärer. Zahlreiche Anleger möchten heute ausschließlich Anlagen von Unternehmen kaufen, die nachhaltig wirtschaften. Als Standard zur Beurteilung haben sich dabei die ESG-Kriterien etabliert: Das „E“ steht für „Environment“, also umweltfreundliche Unternehmen, das „S“ umfasst soziale Aspekte wie Arbeitsplatzsicherheit oder Gesundheitsschutz und das „G“ steht für „Governance“ – also eine nachhaltige Unternehmensführung. Im ersten Halbjahr 2021 flossen circa 323 Mrd. US-Dollar in nachhaltig anlegende Fonds. Das verwaltete Vermögen in diesen Fonds beläuft sich mittlerweile auf etwa 2,3 Billionen Dollar (Quelle: Morningstar Global Sustainable Fund Flows Report 2021).

Erwartete Performance von ESG-Fonds ist umstritten

Die Meinungen von Wissenschaftlern und Praktikern zur erwarteten Rendite von ESG-Fonds gehen weit auseinander. Die verbreitete Meinung in der Theorie ist, dass Investoren aufgrund ihrer Präferenz für Nachhaltigkeit bereit sind, einen höheren Preis für derartige Anlagen zu zahlen. Der Zusatznutzen für verantwortungsvolles Investieren sollte deshalb in einer niedrigeren Rendite münden. Oder einfach formuliert: Anleger können nicht gut abschneiden, wenn sie Gutes tun.

Empirisch haben sich nachhaltig anlegende Fonds in den letzten Jahren jedoch prächtig entwickelt. Dies könnte darauf hindeuten, dass ressourcenschonendes Wirtschaften Unternehmen zukunftsfähiger macht und sogar höhere Renditen zur Folge hat. Neuere Forschungen zeigen jedoch auf, dass die überlegende Performance von ESG-Fonds maßgeblich Flow-getrieben sind. Die massiven Mittelzuflüsse in diese Fonds haben zu deutlichen Nachfragesteigerungen bei den enthaltenen Aktien geführt und die Kurse drastisch ansteigen lassen. Dieser Effekt ist vergleichbar mit der besseren Performance von Aktien anlässlich einer Indexaufnahme. Die Indexaufnahme erzeugt ebenfalls einen Kaufdruck auf die neuen Indexmitglieder und lässt die entsprechenden Aktien (häufig schon im Vorfeld) deutlich steigen. Dies konnte bei der jüngsten Umstellung im Dax eindrucksvoll beobachtet werden.

Vielfältige Ursachen für massive Mittelzuflüsse

Die massiven Mittelzuflüsse in ESG-Fonds haben verschiedene Ursachen:

  1. Traditionelle Kennzahlen vernebeln den Blick auf Einzelwerte: Aggregierte Kennzahlen zur Fondsanalyse (Performance, Sharpe Ratio etc.) lassen die ESG-Fonds aktuell in einem sehr guten Licht erscheinen. Diese Kennzahlen sind jedoch vergangenheitsorientiert und eignet sich kaum zur Fortschreibung. Sie blenden eine wichtige Erkenntnis aus: Ein Fonds kann immer nur so gut sein wie die Summe seiner Einzelteile!
  2. Viele Anleger lassen sich leicht ködern: Eine Vielzahl von unerfahrenen Anlegern haben in den letzten Jahren den Gang auf das Börsenparkett gewagt. Ein banaler Wachstumstrend („Erneuerbare Energien sind die Zukunft“) reicht häufig aus, um sie von einer Anlage zu überzeugen. Fundamentale Kriterien spielen bei der Anlageentscheidung selten eine Rolle.
  3. Zahlreiche Investoren verfolgen Momentum-Strategien: Nach dem Motto „The trend is your friend“ setzen viele Anleger auf Anlagen, die auch in der Vergangenheit überzeugt haben. Der Herdentrieb dieser Momentum-Strategen führt einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Überdurchschnittliche Renditen von ESG-Fonds ziehen weitere Investoren an und belassen die Anlagen auch für längere Zeit auf der Überholspur.
  4. Automatisierte Geldanlage: Viele Finanzdienstleister sind bei der Portfoliostrukturierung für Kunden in den letzten Jahren zu einer automatisierten Geldanlage (Robo Advisory) übergegangen. Die Anlageempfehlungen stützen sich dabei ebenfalls nicht auf eine fundamentale Bewertung von Einzelwerten, sondern ziehen ausschließlich die aggregierten Performancemaße der Fonds heran. Mit einer unscheinbaren Frage in den Algorithmen („Wollen Sie umweltfreundlich anlegen?“) werden viele Gelder in ESG-Fonds kanalisiert. Ein Großteil der Anlagen erfolgt mittlerweile über Sparpläne, damit ist ein stetiger Zufluss von „blind“ angelegten Geldern vorprogrammiert.

Massive Mittelzuflüsse führen zu Perpetuum Mobile der Geldanlage

Bei vielen ESG-Fonds hat sich deshalb ein beinahe perfektes Perpetuum Mobile aus Mittelzuflüssen und Kurssteigerungen herausgebildet: Kontinuierliche Mittelzuflüsse führen dazu, dass sich die Marktenge vieler Werte weiter zuspitzt, die Preise stetig steigen und weitere arglose Anleger angelockt werden. Der Streubesitz (Fee Float) ist bei vielen nachhaltigen Anlagen mittlerweile bedrohlich gesunken und anhaltende Zuflüsse in diesen Titeln lassen die Kurse dann zwangsläufig kontinuierlich ansteigen. Es entsteht ein liquiditätsgetriebener „Squeeze“. Fundamentale Bewertungen werden dabei von allen Beteiligten regelmäßig ignoriert. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn dieses Konstrukt in erheblichen Kursblasen mündet.

Von dieser Entwicklung sind ESG-Fonds mit einer breiten Ausrichtung weniger betroffen als ESG Fonds, die nur Teilaspekte verfolgen. Alle namhaften Unternehmen weltweit verfolgen mittlerweile die ESG-Kriterien und bei einer Anlage in marktbreite Fonds landet man deshalb letztendlich bei ähnlichen Aktien wie bei herkömmlichen Fonds. Bei Themenfonds zur Elektromobilität, erneuerbaren Energien oder Wasser treffen die heftigen Mittelzuflüsse jedoch häufig auf besonders marktenge Titel. Bei diesen Fonds haben sich die Werte und Preise der enthaltenen Aktien deshalb besonders weit auseinanderentwickelt. Ein Beispiel ist der beliebte iShares Global Clean Energy (siehe Abbildung unten). Die Einzeltitel sind regelmäßig sehr hoch bewertet, die Risiken sind beträchtlich und kenntnisreiche Insider meiden diese Werte.

Fazit: Versiegen der Mittelzuflüsse könnte in Crashs münden

Die herausragende Performance von ESG-Fonds in den letzten Jahren ist kein guter Indikator für die zukünftige Performance dieser Fonds. Der Wertzuwachs wurde getrieben von Mittelzuflüssen zahlreicher unerfahrener und unkritischer Investoren. Ein Versiegen der Mittelzuflüsse würde die Bewertungen rasch auf ein angemessenes Niveau zurückwerfen. Dies könnte schneller geschehen, als es vielen Anlegern lieb ist. Viele Fondsanbieter betreiben Greenwashing und ihre Nachhaltigkeitsstrategie ist mehr Schein als Sein. Es wäre nicht das erste Mal, dass überhöhte Bewertungen, Intransparenz und schwindendes Vertrauen in einem Crash münden.

iShares Global Clean Energy: Bewertung auf Fondsebene überdecken Bewertung der Einzeltitel

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Peter Seppelfrickelehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Peter Seppelfricke


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