KommentarSchnelle Rechner statt smarter Trader

Börsenhändler
Beim Hochfrequenzhandel werden Händler nicht mehr gebraucht
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Frank Geilfuß ist Leiter Kapitalmärkte beim Bankhaus LöbbeckeFrank Geilfuß ist Leiter Kapitalmärkte beim Bankhaus Löbbecke. Er schreibt auf capital.de über Finanzmarktthemen

 


Angesichts der kaum noch erkennbaren Renditen bei sogenannten sicheren Anlagen trotz geringer Inflation riskieren selbst die risikoscheuen deutschen Anleger zuletzt nach langer Abstinenz wieder einen Blick auf die Aktienmärkte. Mit Widerwillen zwar und ohne wirkliche Überzeugung, jedoch mit dem Mut der Verzweifelten. Doch was finden Sie auf ihrer Safari in ungeliebten Gefilden? Eine unübersehbare Zahl von Möglichkeiten, sich an Gesellschaften als Aktionär zu beteiligen oder Optionen auf solche Beteiligungen zu erwerben. Zweite und dritte Ableitungen auf diese, mit und ohne Garantien und Barrieren. Hier ein Bonus, dort ein Hebel oder doch lieber einen Fonds? Aktiv oder passiv gemanagt?

Nicht nur die Menge der gehandelten Papiere, auch die Schwankungsintensität der Märkte hat seit dem Jahrtausendwechsel deutlich zugenommen. Tagesbewegungen, die noch zu Beginn der 90er Jahre für einen ganzen Monat ausgereicht hätten sind inzwischen Normalität – wohlgemerkt in beide Richtungen. Auf dem Parkett der alten Handelsräume ist es im Gegenzug ruhig und besinnlich geworden. Wertpapiere werden immer seltener von Händlern gehandelt. Deren Job übernehmen zunehmend leistungsfähige Computer. Diese neigen bekanntlich nicht zu irrationalen Übertreibungen und geben sich mit kleinen Gewinnen zufrieden. Nur sollten diese um so häufiger anfallen und wenn möglich in Hausse und Baisse.

Argwohn bei langfristig orientierten Anlegern

Der Anteil des Börsengeschäftes, der auf den ultraschnellen Hochfrequenzhandel unter Nutzung vollautomatischer Systeme mit Algorithmensteuerung beruht, liegt nach Schätzungen in den USA inzwischen bei mehr als 75 Prozent. Die Deutsche Börse generiert ca. 45Prozent Ihrer Umsätze auf diese Weise. Völlig neue Systemrisiken und immer wieder aufkommende Vorwürfe von Marktmissbrauch sorgen für wachsenden Argwohn bei den eher langfristig orientierten institutionellen und privaten Anlegern und nicht selten zu resigniertem Rückzug.

In Sekundenbruchteilen kaufen und verkaufen Computer Wertpapiere aller Art unter Nutzung minimaler Kursdifferenzen. Die besten der Branche handeln innerhalb des millionsten Teils einer Sekunde. Angesichts der damit erzielbaren meist nur geringen Beträge ist die Schlagzahl der entscheidende Parameter für den Erfolg dieser Strategie. Zur Optimierung der Orderabwicklung wird sogar die Distanz zu den Handelsräumen nach Möglichkeit verkürzt – jeder Zentimeter Kabel zählt.

Auslöser für blitzschnelle Trades sind oft vermeintlich wichtige Chartmarken, welche die Handelsaktivitäten in die eine oder andere Richtung verstärken. Die Hochfrequenzhändler bedienen sich in der Nähe solcher Marken gerne sogenannter Initialaufträge, um Schwellen zu erreichen und Märkte oder Anlageobjekte in die gewünschte Richtung zu treiben. Die US-Börsenaufsicht SEC hat festgestellt, dass bis zu 90 Prozent aller Kauf- und Verkaufsorders sofort wieder storniert werden. Wirkliches Interesse an Erwerb oder Veräußerung sieht wohl anders aus.

Privatanleger hinken Maschinen hinterher

Immer wieder wird auch versucht, ein Handelssystem mit nutzlosen Informationen zu „beschäftigen“ und abzulenken um selbst entgegengesetzte Aktivitäten zu entfalten. Die Aufsichtsbehörden sind durch entsprechende Kurskapriolen längst alarmiert und reagieren mit Eingriffen in das Marktgeschehen bei Überschreiten bestimmter Bandbreiten sowie kurzfristigem Aussetzen des Handels. Doch längst ist den regulierten Märkten mit so genannten außerbörslichen Handelsplattformen, deren Regeln laxer sind, eine ernstzunehmende Konkurrenz entstanden.

Experimentiert wird immer wieder mit einer sogenannten Signalwortsteuerung, die etwa in Statements von Notenbankern oder Firmenlenkern nach Begriffen sucht und diese als Signale für Kauf oder Verkauf interpretiert. Der private Anleger, der zunächst die Nachricht liest, eine Bilanz studiert oder die Meinung seines Beraters einholt, ist am Ende eventuell besser informiert, aber die Entscheidung über die Wertung haben die Maschinen längst getroffen und umgesetzt.

Die perfektionierte Nutzung auch kleinster Kursdifferenzen, die Automatisierung des Börsenhandels und die Emission immer neuer Produkte, deren realer Gegenwert oft nur in der jeweiligen Bonität des Emittenten besteht, verfälschen die Marktbewegungen zunehmend und machen das Börsengeschehen schwankungsanfälliger. Viel zu wenig untersucht ist in diesem Zusammenhang auch die mutmaßlich trendverstärkende Wirkung in Stressphasen der Märkte sowie die bereits an einer Reihe von Beispielen der jüngeren Börsengeschichte ablesbare Überlastung der Infrastruktur von Handelsplätzen. Dadurch entstehende Fehlbewertungen bringen natürlich auch regelmäßig Chancen für Stock Picker und alle, die aktives Management betreiben. Darüber hinaus erhöhen die modernen Handelstechniken die Liquidität des Marktes und sorgen so für eine vermeintlich tiefere Qualität.

Börsenregeln außer Kraft gesetzt

Konservativ agierende Adressen mit einem fundamentalen Ansatz beklagen jedoch zunehmend die Radikalität von Marktverwerfungen. Die alte Regel, nach der unterbewertete Unternehmen früher oder später eine fundamental untermauerte, faire Bewertung an den Börsen erhalten, gilt in der beschriebenen schönen neuen Börsenwelt nur noch bedingt. Eine Tendenz, die ganz offenbar nicht zu einer besseren Aktienkultur führen kann und ganz nebenbei den renditesuchenden potentiellen Anleger in seinem Widerwillen eher bestärkt.

Längst ist klar dass der Rechner zwar nicht in Panik geraten kann wie ein menschlicher Händler. Für Panik sorgen kann er aber allemal!