Kryptowährungen Krypto-Fondsmanager: „Gute Stablecoins sollten nicht reguliert werden“

Der Crash des Stablecoins TerraUSD hatte auch kurzfristige Auswirkungen auf den Bitcoin und andere Kryptowährungen
Der Crash des Stablecoins TerraUSD hatte auch kurzfristige Auswirkungen auf den Bitcoin und andere Kryptowährungen
© IMAGO/Lobeca
Nach dem Crash der Stablecoins Terra und der Partnerwährung Luna herrscht Katerstimmung in der Kryptoszene. Sind weitere Stablecoins wie Tether bedroht? Was sollten Anleger in der aktuellen Phase tun? Ha Duong, Manager zweier Krypto-Fonds, liefert Antworten

CAPITAL: Herr Duong, die Krypto-Szene hat eine ihrer schlimmsten Wochen erlebt. Zunächst ist der Stablecoin TerraUSD (UST) implodiert, hat dabei seine Partnerwährung Luna mitgerissen und auch den Bitcoinkurs getroffen, der auf ein 18-Monats-Tief gefallen ist. Ganz konkret: Welche Mechanismen haben in der vergangenen Woche eingesetzt?

HA DUONG: Die Entwicklung hat nicht erst in der vergangenen Woche eingesetzt. Generell haben sich die Kryptomärkte mit den anderen Märkten zuletzt stark nach unten entwickelt. Dafür gab es mehrere Makro-Gründe: Zum Beispiel die Geldpolitik der Fed, die Liquidität aus dem Markt zieht. Darunter haben auch die Kryptothemen gelitten – insgesamt befinden wir uns in einem sehr negativen Marktsentiment. In der vergangenen Woche ist zudem noch die Implosion von Terra hinzugekommen. Der starke UST-Abverkauf eines Whales, also eines großen Anlegers, hat einen  UST-Depeg unterhalb von 1 USD verursacht. Für Kritiker war das ein Anlass, den Stablecoin UST sowie auch den Luna-Token abzuverkaufen, teilweise auch durch Leerverkäufe, so dass innerhalb kürzester Zeit Terra eingebrochen ist. 

Und wieso hat das auch den Bitcoin kurzfristig so hart getroffen?

Dafür muss man das System hinter Stablecoins verstehen, beziehungsweise hinter TerraUSD. Grundsätzlich sind Stablecoins an einen anderen Wert gekoppelt, in aller Regel eins zu eins an den Dollar. Bei besicherten Stablecoins wie USDC wird für jeden Stablecoin derselbe Betrag in US Dollar hinterlegt. Das soll Stablecoins sicher gegen Schwankungen machen und Vertrauen in den Markt bringen. Terra ist aber nicht durch USD oder andere Assets besichert und stellt die Kopplung zum USD-Preis lediglich durch einen Arbitrage Mechanismus dar. Das kann grundsätzlich funktionieren, aber nicht, wenn es zu einem so starken Abverkauf wie letzte Woche kommt. Um die Bindung an den Dollar zu sichern, musste die Luna Foundation Guard ihre Bitcoinreserven im Wert von knapp 3 Mrd. Dollar verkaufen, um UST zu stärken. Selbst diese Summe hat nicht ausgereicht um den Fall von UST zu verhindern. Der starke Abverkauf von BTC zusammen mit dem allgemeinen negativen Preistrend im Kryptomarkt hat zusätzlich eine Liquidationskaskade im Markt ausgelöst, so dass der Bitcoin kurzzeitig auf unter 26.000 US-Dollar runtergegangen ist. Mittlerweile sehen wir aber wieder eine leichte Stabilisierung im gesamten Kryptomarkt.

Wie groß ist denn der Vertrauensverlust durch den jüngsten Crash?

Das kommt drauf an, wo man hinschaut. Das Vertrauen in algorithmische Stablecoins ist ohne Frage geschädigt. Auch andere Stablecoins sind kurz unter Stress geraten. Aber hier sehe ich langfristig nicht das große Problem. Wenn man sich die diversen DeFi-Protokolle anschaut, die in der gleichen Wochen unter Stress geraten sind, so kann man insgesamt sagen, dass die Protokolle sehr gut standgehalten haben und stabil funktionieren – anders als in der Vergangenheit, beispielsweise während des Corona-Crashs.

Stablecoins stehen schon seit längerer Zeit in der Kritik. In den USA hat Finanzministerin Janet Yellen jetzt vor ihnen gewarnt. Innerhalb der EU spricht sich Digitalexperte Stefan Berger (CDU) für eine Regulierung von „systemrelevanten“ Stablecoins aus. Sind diese Warnungen gerechtfertigt?

Es ist auf jeden Fall richtig darüber nachzudenken, wie man Nutzer besser schützen kann. Man muss es jedoch differenziert betrachten. Die Kommunikation der Terra-Stiftung war immer transparent, alle Anleger wussten, worauf sie sich einlassen. Aus meiner Sicht ist hier auch kein Betrug zu erkennen. Die Frage ist aber auch, inwiefern man ein systemisches Risiko verhindern will. Die Implosion von Terra/Luna war groß, aber nicht gigantisch. Das könnte bei den größeren Stablecoins wie Tether schon ganz anders aussehen. Stablecoins sind nicht alle gleich und es kommt darauf an, wie der Stabilitätsmechanismus funktioniert. Ich würde es schade finden, wenn wegen Terra auch gute Stablecoins wie USDC unter regulatorischen Druck geraten. 

Wie groß ist dort denn das Risiko? Auch Tether hat den Terra-Crash ja kurz gespürt und liegt bei 0,96 Cent immer noch leicht unter dem Zielwert. Der Coin steht sowieso in der Kritik…

Bei Tether gibt es immer mal wieder Betrugsgerüchte und auch tatsächlich einige Ungereimtheiten. Da fehlt die Transparenz und das ist natürlich ganz klar ein Problem. Grundsätzlich glaube ich aber, dass Krypto mittlerweile deutlich besser aufgestellt ist als vor ein paar Jahren, wo die Abhängigkeit von Tether deutlich größer war – auch, weil deutlich mehr Anleger, sowohl private als auch institutionelle, inzwischen dabei sind. Wenn Tethers Reserven beispielsweise nicht 100 Prozent gesichert sind und ein paar Prozent durch Verluste fehlen, glaube ich, dass die Community eine Lösung finden würde – zum Beispiel das fehlende Geld nachzuschießen.

Braucht man hier wirklich keine Regulierung?

Meine Hoffnung ist, dass sich die Community selbst reguliert und nicht alles von der Politik vorgegeben wird. Die vollständig Dollar-gebundenen Stablecoins waren hier kein Problem und sollten nicht abgestraft werden.

Sind Stablecoins denn „systemrelevant“, wie Stefan Berger meint? Manche aus der Szene glauben ja, dass es auch ohne Stablecoins gehen könnte…

Heute würde ich sagen: Nein, das funktioniert nicht. Ohne Stablecoins würde das Trading-Volumen am Wochenende und über Nacht ausbleiben, was zu starken Marktineffizienzen führen kann. Kryptoassets werden 24/7 gehandelt. In Zukunft werden Instant Payment-Systeme wie FedNow kommen. Sobald diese existieren, kann die Abhängigkeit von Stablecoins reduziert werden.

Was raten Sie Ihren Anlegern in der aktuellen Schwächephase: Aussteigen, umsteigen oder aussitzen?

Ich würde jedem zum Aussitzen raten. Es gibt ja das Sprichwort: Time in the market beats timing the market. Einen so jungen Markt wie Kryptoassets kann man fast unmöglich timen. Und man sollte sowieso nur in Krypto investiert sein, wenn man langfristig daran glaubt und annimmt, dass die Technologie einen Wert besitzt.


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