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Erica Stanford „Stablecoins sind nicht stabil“

In der laufenden Woche sorgte der Crash des Krypto-Verleihers Celsius für einen Einbruch am Kryptomarkt
In der laufenden Woche sorgte der Crash des Krypto-Verleihers Celsius für einen Einbruch am Kryptomarkt
© IMAGO / Silas Stein
Die Britin Erica Stanford ist Expertin für Krypto-Betrugsfälle. Im Interview ordnet sie den aktuellen Kryptocrash ein und gibt Tipps, wie Anleger Betrüger erkennen

Frau Stanford, in dieser Woche ist der Kryptomarkt kräftig abgestürzt. Grund dafür waren unter anderem Zahlungsprobleme beim Krypto-Kreditgeber Celsius. Manche vermuten hier sogar Betrug. Sie haben ein Buch über die größten Krypto-Betrugsfälle hervorgebracht. Helfen Sie uns: War das ein Betrug?  

ERICA STANFORD: Celsius vergibt Kryptokredite. Das ist immer riskant. Was passiert ist, ist relativ einfach: Celsius hat Kryptowerte anderer Investoren weiterverliehen. Als die Investoren ihre Coins zurückhaben wollten, fehlte Celsius die Liquidität. Und dann ist Panik ausgebrochen. Das ist in etwa so wie bei einem Bankansturm, da ist irgendwann Schluss. Natürlich hat Celsius auch Fehler gemacht. Sie haben wahrscheinlich zu schnell zu viel Geld aufgenommen und die Haltefristen zu kurz gesetzt, um die versprochene Rendite zu erreichen.  

Die ja immerhin bis zu 17 Prozent betragen sollte… 

...ja, und da sie Teile in andere Kryptowährungen investiert hatten, hat das auch die anderen Währungen mit heruntergezogen. Die Leute hatten Panik und haben verkauft. Das zeigt aber auch, wie volatil der Markt ist. 

Also kein Betrug? Was war dann ursächlich für den Einbruch? 

Krypto bedeutet Risiko. Und Krypto-Kredite bedeuten nochmal deutlich mehr Risiko. Das sollte man nicht vergessen. Ich denke aber, dass der aktuelle Einbruch nicht allein auf Celsius zurückzuführen ist. Ich kenne auch einige Mitarbeiter aus dem Celsius-Team, und das sind wirklich gute Leute. Celsius hat den Einbruch zwar beschleunigt, aber grundsätzlich wird dieser vom Gesamtmarkt angefeuert. Alle erwarten eine Rezession und steigende Zinsen. Dann halten die Anleger lieber mehr Cash und steigen aus riskanten Werten wie Krypto aus. Aber nein, von einem Betrug gehe ich nicht aus. 

Sie schreiben in ihrem Buch, dass zwischenzeitlich fast 98 Prozent aller Kryptowährungen keinen echten Wert hatten oder eindeutiger Betrug waren. Wo stehen wir aktuell? 

Diese Statistiken kommen von der amerikanischen Börsenaufsicht SEC und beziehen sich vor allem auf die Zeit um 2018, als es Tausende neue Kryptoemittierungen (ICOs) gab. Das Problem mit diesen Fällen ist: Man kann sie nicht klar in schwarz oder weiß trennen. Manche waren klarer Betrug. Da haben sich die Investoren sogar noch provokant bei den Anlegern bedankt und sind dann geflüchtet. Andere hatten aber auch einfach Pech, technische Probleme oder der Markt lief gerade schlecht. Viele von ihnen meinten es sogar gut, sind dann aber über sich selbst gestolpert – so wie das manchmal bei Start-ups passiert. Und dazwischen gab es unzählige Projekte, von denen man sagen kann: Die Gründer wollten eigentlich etwas Gutes erreichen, sind dann aber auch nicht unschuldig am Scheitern – die befinden sich also im Graubereich. Da wurden zum Beispiel zu schnell zu große Finanzierungsrunden oder ICOs gestemmt. Normalerweise hätte da kein Investor Geld hineineingesteckt, aber weil es Krypto war, waren viele blind. Manche Gründer haben dann gemerkt, dass damit ziemlich viel Arbeit verbunden ist – und sind lieber mit dem Geld geflüchtet. Andere sind an der Aufgabe gescheitert. Insofern war das kein geplanter Betrug, aber unschuldig waren sie auch nicht. 

Müssten die ICOs also strenger reguliert werden, ähnlich wie bei klassischen Börsengängen? 

Grundsätzlich ist das Konzept nicht falsch. Es ist doch fantastisch, dass man zu einem so frühen Stadium eine kleine Summe in ein Projekt seiner Wahl investieren kann. Das ist auf anderen Märkten nicht so problemlos möglich. Aber: Die Gründer konnten große Summen einsammeln, ohne großartig Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Ich würde daher eher sagen, dass viele Projekte zu viel Geld eingesammelt haben – jedenfalls für das, was sie vorhatten. Und ja, es müsste daher eine engere Regulierung geben. 

Umgekehrt: Worauf müssen Krypto-Börsen denn achten, bevor sie einen Coin aufnehmen? 

Das ist tatsächlich ein Problem bei über 19.000 verschiedenen Kryptowährungen, von denen wahrscheinlich 99 Prozent zusammenbrechen werden. Manche werden aber definitiv überleben und einen Wert haben. Diese wenigen Coins zu finden, ist schwierig. Die Plattformen müssen sich die vermeintlichen Vorteile der Währungen ganz genau anschauen. Verbrauchen sie wirklich weniger Energie als andere Währungen? Lassen sich damit wirklich Vermögenswerte kostenlos in abgelegene Weltregionen übermitteln? Manche versprechen mehr als sie halten können, die meisten haben tatsächlich gar keinen echten Nutzwert. Wenn ich an Coins denke, deren einzige Idee es ist, Bananenchips zu kaufen – da kann ich das Geld auch gleich im Supermarkt ausgeben. Sowas macht natürlich keinen Sinn und sollte auch nicht auf Kryptobörsen gehandelt werden. 

Viele handeln sie trotzdem. 

Ja, weil sie mit jedem Trade Geld verdienen. Und je mehr Kryptowährungen sie anbieten, umso mehr Geld verdienen sie. Aus Börsensicht könnte man argumentieren, dass sie letztlich nur Shops sind. Was die Nutzer dann kaufen, ist ihnen überlassen. Aber ich plädiere dafür, dass sie die Projekte vorab besser prüfen sollten. Vor allem, weil es gute Tools dafür gibt. Ich bin aber nicht dafür, dass die Börsen für einen Zerfall verantwortlich gemacht werden. Der ultimative Fehler liegt fast immer beim Projekt. 

Seit im Mai der Stablecoin Terra USD crashte und die Märkte auf Talfahrt schickte, stehen Stablecoins stärker unter Beobachtung – vor allem Tether. Gegen das Projekt gibt es seit längerer Zeit Betrugsvorwürfe. Was halten sie davon? 

Ich persönlich würde kein Geld in Tether stecken. Es ist wirklich schwierig zu überprüfen, ob sie wirklich so abgesichert sind, wie sie es selbst angeben. Es gibt keinen richtigen Beweis dafür und ich persönlich glaube auch nicht daran. 

Sind Stablecoins stabil? 

Nein. Speziell Tether traue ich nicht. Ich würde mich aber nicht wundern, wenn wir hier in der nächsten Zeit noch andere Zusammenbrüche sehen. Manche Stablecoins geben an, dass sie komplett mit US-Dollar abgesichert sind. Sind sie das? Vielleicht. Vielleicht gibt es einen Stablecoin, von dem ich noch nicht gehört habe, der tatsächlich die exakt angegebene Summe in Dollar abgesichert hat. Dann wäre das hypothetisch möglich. Aber gibt es so einen Stablecoin? Ich habe jedenfalls noch nicht davon gehört. Und so tue ich mich aktuell auch wirklich schwer, an die Absicherung von Stablecoins zu glauben. 

Manche sagen, das wäre mit Bankguthaben nichts anderes. Wenn die Bank pleite geht, ist das Geld verloren… 

Da gibt es einen fundamentalen Unterschied. Wenn man einen Bitcoin erworben hat, dann ist der in der Blockchain sicher. Den hat man, auch wenn die Kryptobörse pleite gegangen ist. Bei Stablecoins wäre ich mir da nicht so sicher. Bestenfalls ist das riskant, das sieht man gerade beim Terra/Luna-Crash. 

War Terra/Luna ein Betrug, war es die Schuld der Gründer oder hatten sie einfach Pech? 

Ich glaube nicht, dass man das so klar einordnen kann. Sie haben ja sogar noch nach dem ersten Absturz einen zweiten Token aufgelegt, der dann wieder gecrasht ist. Und jetzt ermitteln die Behörden in Südkorea und den USA. Andererseits werfen die südkoreanischen Behörden dem Gründer vor, Millionenbeträge herausgezogen zu haben. Es sieht jedenfalls alles nicht besonders gut aus und ich will mir da kein abschließendes Urteil bilden. Ich denke aber, dass wir in den kommenden Monaten noch viel darüber hören werden. 

Die Betrugsmaschen haben sich über die Jahre mehrfach verändert. Was sind die neuesten Trends? 

Die Systeme werden immer cleverer. Zwei Entwicklungen fallen dabei auf: Zum einen sind das Prominente, die vermeintlich als Markenbotschafter auftreten. In der Realität wissen sie aber häufig gar nicht, dass mit ihnen geworben wird. Manche werden zum Beispiel gehackt. Wieder andere wissen zwar, dass sie Werbung machen, aber verstehen das Produkt gar nicht. Der neueste Trend sind Dating-Betrüger, vor allem aus Afrika, aber auch aus den USA. Die gab es vorher auch schon, aber das System hat sich geändert: Früher sollten die Opfer das Geld direkt an die Betrüger überweisen. Heute werden sie überredet, das Geld zunächst auf einer bekannten Kryptobörse wie Binance anzulegen. Das schafft zunächst Vertrauen und die Opfer denken, sie legen das Geld für sich selbst an. Dann überredet der Betrüger aber das Opfer, die Coins auf eine andere unbekannte Kryptoplattform umzulenken. Angeblich gebe es da dann mehr Rendite oder bessere Konditionen. In der Realität landen die Coins aber beim Betrüger. 

In ihrem Buch bezeichnen sie das Multi-Level-Marketing als eine Art Katalysator für zahlreiche Betrugsfälle – also jene Form von Strukturvertrieb, die es zum Beispiel auch bei Versicherungen gibt. Ist das weiterhin ein Problem? 

Ja, ich würde sagen: Multi-Level-Marketing ist weiter das größte Problem. Vor allem im Kryptobereich, aber auch in anderen Wirtschaftsbereichen.  Nur die, die wirklich früh dabei sind, verdienen Geld mit Strukturvertrieb – und zwar richtig viel: Wir reden von hunderten Millionen Euro. 98 Prozent verdienen aber nichts, und verlieren teilweise sogar Geld. Das Problem bei Krypto ist, dass die unteren Vertriebsschichten in Kryptowährungen bezahlt werden – die dann aber häufig crashen. Am Anfang sieht das noch ganz gut aus, da bekommen sie ihr Geld zurück. Das ist aber genau der Charakter eines Schneeballsystems. Die Leute investieren dann weiter, verkaufen es ihren Familienmitgliedern und Freunden und kriegen am Ende aber nichts raus. Das sehen wir überall auf der Welt, vor allem aber in Afrika, wo Geistliche ihre Gemeindemitglieder diesen Betrug andrehen und selbst dabei reich werden. 

Wie können denn Anleger sicherstellen, dass ihr Investment sicher ist? 

Das ist wirklich schwierig für einfache Anleger. Das wichtigste ist, einen Realitätscheck zu machen. Viele Krypto-Betrüger versprechen tolle Renditen in bunten Lettern. Da wird dann schnell von zehn Prozent Rendite und mehr gesprochen, also Werte, bei denen man ohnehin immer aufpassen sollte. Eine andere Sache sind Google-Bewertungen. Natürlich kann ein Unternehmen die auch kaufen, aber meiner Erfahrung nach gibt es immer eine Vielzahl von Stimmen, die auf einen möglichen Betrug hinweisen. Da sollte man nicht wegschauen, sondern die ernst nehmen. Und drittens sollte man gucken, ob das Team hinter dem Projekt bekannt ist. Wenn es aus irgendwelchen Gründen anonym bleiben will, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Betrug. 

Wie bewerten sie denn langfristig die Chance für Kryptowährungen? 

Ich erwarte jedenfalls keinen totalen Kollaps. Bitcoin hat immer noch einen fundamentalen Wert. Die guten Projekte werden sich auf jeden Fall durchsetzen, genau wie in anderen Märkten auch. Ich glaube, dass in Zukunft stärker auf den Nutzwert der Währung geachtet wird als auf die Volatilität und die Größe. Das hoffe ich jedenfalls und bin zuversichtlich, dass sich die guten Werte wieder erholen werden. 

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