KolumneKlimakrise und Anlagenotstand

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Jetzt geht es los: Mehrere Städte in Deutschland, darunter auch meine Geburtsstadt Münster in Westfalen, haben den Klimanotstand ausgerufen. Weitere Kommunen werden folgen, denn der Herdentrieb ist wissenschaftlich gut belegt. Da ich selbst zu wenig vom komplexen Klimasystem der Erde weiß, halte ich mich mit einem Urteil zurück, wiewohl ich weiß, dass sich der Mensch gerne mit seinem vermeintlich bestimmenden Einfluss auf die Welt schmeichelt. Grundsätzlich bin ich im Leben gut mit der kartesischen Methode gefahren, weshalb ich auch hier skeptisch bleibe.

Und ob am deutschen Klimawesen die Welt genesen soll, scheint mir Hybris zu sein. Dabei bleibt mir aber nicht verborgen, dass in der Klimadebatte quasi religiöse und totalitäre Elemente die Oberhand gewinnen könnten. In der Diskussion um Fleisch- und Fahrverbote sind entsprechende Vorboten bereits zu erblicken.

Besser kenne ich mich auf dem Gebiet der Geldanlage aus. Auch dort wird seit Jahren angesichts negativer Realzinsen von einem Notstand gesprochen, jedoch interessiert sich kaum jemand dafür, am allerwenigsten unsere Regierung. Und die Jugend, die sich besonders um ihre wirtschaftliche Zukunft Sorgen machen sollte, lässt sich lieber von ihren Gurus im Internet Zeit stehlen.

Schleichende Abkehr von der Leistungsgesellschaft

Klar ist jedenfalls, dass die jungen Leute in einem hoch verschuldeten Staat leben. Dieser Befund wird dadurch nicht besser, dass andere Länder noch wesentlich schlechter dastehen. Die zunehmende Überalterung Deutschlands sorgt dafür, dass weniger junge Leute mehr alte Menschen finanzieren und versorgen müssen. Wie ein Blick in den Staatshaushalt offenbart, ist das Umverteilungsniveau und die Abgabenlast bereits heute enorm, Tendenz weiter steigend.

Kommende Verteilungskämpfe werfen bereits ihre Schatten voraus. Wie anders kann man etwa die in Gang gekommene Enteignungsdiskussion deuten? Und ist nicht die Vokabel „Respektrente“ ein deutliches Zeichen für die schleichende Abkehr von der Leistungsgesellschaft? Auch die Inflation bei den guten Schulnoten deutet in diese Richtung.

Der Anlagenotstand ist ohne Zweifel menschengemacht. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, sich am Produktivvermögen der Welt – sprich Aktien – zu beteiligen. Zwar trifft zu, dass der Staat vor allem durch seine Steuerpolitik dagegen an arbeitet; gleichwohl wäre es den Bürgern möglich gewesen, sich privat um klügere Wege der Altersvorsorge zu kümmern als die mittlerweile obsolet gewordene Zinssparerei. Das Versagen auf diesem Gebiet wird perspektivisch zu Heulen und Zähneknirschen führen. Nicht verstanden zu haben, dass der gegenwärtige und künftige materielle Wohlstand der Bürger von der Prosperität der Unternehmen abhängt, hat zu der unterdurchschnittlichen Vermögensbildung in Deutschland beigetragen.

Dass die Schweiz, die nicht über nennenswerte Rohstoffe verfügt, in der Breite der Bevölkerung das wohlhabendste Land der Erde ist, hat gewiss auch mit der niedrigen Abgabenlast und der hohen Aktienbesitzquote zu tun. Dort kann man einer überwiegend aufgeklärten und wohlinformierten Bevölkerung sogar komplizierte Sachverhalte in Volksabstimmungen vorlegen, ohne Angst vor zu viel Hysterie und Ideologie haben zu müssen, wie dies in vielen anderen Ländern leider der Fall ist.


Christoph Bruns ist Fondsmanager und Mit-Inhaber der Fondsgesellschaft Loys AG