VG-Wort Pixel

„Kaufe jetzt, zahle später“ Warum Klarna schwierige Zeiten bevorstehen

Ein Telefon, auf dem die Klarna-App im Appstore angezeigt wird
Die Bewertung von Klarna ist zu letzt um über 50 Prozent gefallen
© IMAGO / Rüdiger Wölk
Die hohe Inflation belastet die Kaufkraft vieler Menschen. Damit wächst die Versuchung, die Dienste von „Kaufe jetzt, zahle später“-Anbietern wie Klarna in Anspruch zu nehmen. Doch steigende Zinsen setzen das Geschäftsmodell unter Druck

Während der Corona-Pandemie haben vor allem junge Verbraucher beim Online-Shoppen Gefallen an dem Ratenkauf-Modell „Kaufe jetzt, zahle später“ (BNPL) gefunden. Die neue Handtasche kostet 500 Euro und liegt eigentlich weit über dem Budget? Kein Problem, wenn der Preis in Raten über mehrere Monate bezahlt werden kann.

Startups wie Klarna, Afterpay, Affirm oder Paypal, die keine Bonitätsprüfung machen, bevor sie einen Kredit vergeben, haben damit ein Segment geschaffen, das im vergangenen Jahr laut Globaldata auf ein Transaktionsvolumen von 120 Mrd. Dollar gekommen ist. Vor der Pandemie im Jahr 2019 waren es lediglich 33 Mrd. Dollar. Begünstigt wurde das Geschäftsmodell durch das lange Zeit sehr niedrige Zinsumfeld. Laut Globaldata entfielen allein im vergangenen Jahr im Online-Handel von je 100 ausgegebenen Dollar etwa 2 auf BNPL-Transaktionen.

Doch der Goldrausch der Branche könnte bald vorbei sein. Das Geschäftsmodell funktioniert nämlich nur so lange, wie die Zinsen niedrig und die Konsumausgaben hoch sind. Denn nur dann können sich die BNPL-Firmen zu relativ niedrigen Kosten Kapital beschaffen und an Kunden verleihen, die ihre Einkäufe dann in wenigen Raten und in der Regel zinsfrei abbezahlen. BNPL-Unternehmen wiederum berechnen den Online-Händlern Gebühren für jede Transaktion. 

Investor schätzt Klarna auf 10 Mrd. Dollar

Welchen Stress die Zinswende für Anbieter von Ratenzahlungen bringt, macht sich bereits beim europäischen Flaggschiff der Branche, Klarna, bemerkbar. Das Unternehmen entließ erst kürzlich 700 Mitarbeiter, immerhin zehn Prozent der Belegschaft. Als Gründe nannte Klarna unter anderem eine veränderte Verbraucherstimmung, die Inflation und den Krieg in der Ukraine. Und damit nicht genug: Für den schwedischen Zahlungsanbieter gehen die Bewertungen nach dem massiven Anstieg der vergangenen zwei Jahre wieder bergab.

Die Bewertung, die die Investoren dem Unternehmen noch zugestehen, sei zuletzt auf 30 Mrd. Dollar und dann auf 15 Mrd. Dollar gefallen, heißt es. „Das ist schon komisch“, sagt Investor Philipp Klöckner im Gespräch mit ntv.de. Denn damit würde Klarna höher bewertet als der US-Branchenprimus Affirm, obwohl es langsamer wächst. Der Investor schätzt, dass Klarna sogar nur noch 10 Mrd. Dollar wert ist.

Mit der Kombination aus niedrigen Zinsen und geringem Wachstum war es schon bei optimalen Bedingungen schwer, Geld zu verdienen. Jetzt, wo die Zinsen steigen, wird es für Klarna und Co. immer teurer, Kunden Kredite bereitzustellen – in der Hoffnung, dass diese sie pünktlich zurückzahlen. Woran Klöckner zweifelt. „Durch die drohende Rezession wird es außerdem immer wahrscheinlicher, dass ein paar der Kredite, die Klarna vergibt, nicht voll zurückgezahlt werden können. Das ist ein zusätzliches Risiko.“ Solche Ausfälle müssten die BNPL-Anbieter letztendlich aus ihrer eigenen Marge bezahlen.

Apple wird für Klarna zur Konkurrenz

Zusätzlich zu dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld drängt mit Apple jetzt auch noch ein weiterer Anbieter auf den Markt, der den Wettbewerb verschärft. Während die meisten Konkurrenten nur als Mittler auftreten, hat der Tech-Konzern vor, die Kreditvergabe selber abzuwickeln. Das nötige Kleingeld ist vorhanden, Apple kann ohne Bank als Partner Geld verleihen. Eine Bankenlizenz hat das Unternehmen zwar nicht, dafür aber eine ausgestellte Zahlungsberechtigung von Goldman Sachs.

„Apple Pay Later wird für Klarna vor allem deswegen zu einer ernsthaften Konkurrenz, weil das Unternehmen bereits einen sehr großen Kundenstamm, inklusive wichtiger Daten und ein funktionierendes Bezahlsystem hat“, sagt Klöckner. Der Investor sieht aber noch einen anderen nicht zu vernachlässigenden Vorteil: Während Kunden etablierter BNPL-Anbieter häufig ein schlechtes Kreditprofil hätten und Klarna und Co nutzten, weil sie auf ihren Kreditkarten keine Schulden mehr machen können, seien Kunden von Apple wirtschaftlich besonders gut situiert.

Der Tech-Konzern könnte in Zukunft etwa nur Kunden, die er für besonders solvent hält, Kredite anbieten und somit ein geringeres Risiko eingehen. Nutzer, die Apple als schlechte Kreditnehmer einstuft, würden so auf bestehende Player angewiesen sein, die wiederum im Zweifelsfall auf den Konsumschulden ihrer Kunden sitzen bleiben.

Trotz immer mehr Anbietern auf dem Markt wird es laut Klöckner nicht so schnell zu einer Konsolidierung kommen. „Klarna und Affirm sind beide so unprofitabel, dass eine Fusion keinen Sinn macht.“ Sollten die Bewertungen weiter sinken, könnte eher ein großer Anbieter wie Paypal zuschlagen und die Chance nutzen, um seinen Kundenstamm zu vergrößern und noch tiefer in den Sektor einzutauchen.

Doch erst muss bewiesen werden, dass das Modell BNPL wirklich funktioniert. „Im Moment verbrennen die Firmen noch alle sehr viel Geld und geben mehr für Marketing aus, als sie von Händlern durch die Vermittlung der Finanzierungslösung einnehmen“, sagt Klöckner. Die größte Schwäche des Modells sowohl aus Händler- als auch aus Konsumentensicht: Der Umsatz oder der Konsum wird nur einmal vorgezogen. Als Händler werden die Umsätze dadurch nicht langfristig beflügelt und Nutzer können nicht dauerhaft mehr ausgeben. „Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht stellt sich die Frage: Wo generiert dieses Modell überhaupt Nutzen?“, sagt Klöckner.

Branche im Fokus der Aufsichtsbehörde

Der einzige Vorteil sei wahrscheinlich, dass einmalige Konsumausgaben getätigt werden können, von denen Kunden glauben, sie könnten sie sich sonst nicht leisten. Das US-amerikanische Portal SFGate hat ermittelt, dass die BNPL-Dienste in der Tat zu größeren Anschaffungen führen. Während der durchschnittliche Warenkorb im Jahr 2020 noch 100 Dollar betrug, gibt der durchschnittliche Affirm-Kunde inzwischen 365 Dollar für einen einzigen Einkauf aus – oftmals mit verheerenden persönlichen Folgen.

Eine Umfrage von DebtHammer hat gezeigt, dass 30 Prozent der Nutzer Schwierigkeiten haben, ihre BNPL-Zahlungen zu leisten. 32 Prozent gaben an, dass sie sogar Zahlungen von Miete, Nebenkosten oder Unterhaltszahlungen nicht nachkommen, um ihre BNPL-Rechnungen zu begleichen. „In den USA beobachten wir, dass die Konsumentenkredite immer weiter steigen. Irgendwann kippt das“, sagt Klöckner. 

Der Investor spricht sich deswegen für eine Regulierung der Anbieter aus. Gerade vor dem Hintergrund, dass die BNPL-Firmen bereit seien, Kunden Kredite zu geben, die im herkömmlichen Bankensystem gar nicht als kreditwürdig gelten. Deshalb gerät die Branche auch immer mehr in den Fokus der Aufsichtsbehörden. So hat etwa das britische Finanzministerium Konsultationen dazu eingeleitet, wie BNPL-Firmen künftig reguliert werden sollten. Und in Australien drängen Mitglieder der Regierung darauf, BNPL-Anbieter über Kreditgesetze zu regulieren.

Dieser Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel