KolumneInflationsbeben an den Aktienmärkten

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

An den Aktienbörsen ist es zu einer kleinen zwischenzeitlichen Kurskorrektur gekommen. Seit Monaten sind die Zeichen einer überhitzten Börsenlandschaft unübersehbar. Wilde Kursentwicklungen (Gamestop etc.), Exzessive Bewertungen (Tesla etc.), Narrativgläubigkeit, neue Finanzinstrumente (Spacs) und ein Zustrom unerfahrener Privatanleger (Robinhood etc.) sind Insignien einer zunehmend irrationalen Marktentwicklung. In den Internet-Foren rühmen sich Erstanleger ihrer ökonomischen Ungebildetheit und rufen diese zum heiligen Gral des Börsenerfolges aus. Wie immer in solchen Situationen vermögen die Beteiligten zwischen Können und Glück nicht zu differenzieren. Manche Marketingmanager haben gar die Chuzpe, den Kauf überteuerter Aktien mit der Vokabel „Value 2.0“ zu maskieren.

Gleichwohl reichen derlei Wildheiten für das Platzen spekulativer Blasen nicht aus. Ein Auslöser muss her, um der vogelwild gewordenen Börsenherde gleichsam einen Eimer kalten Wassers überzugießen. Dieser Eimer kalten Wassers stellte sich nunmehr in Gestalt einer galoppierenden Inflation ein. In den Vereinigten Staaten, an deren Finanzmärkten die Welt hängt wie die Kryptogemeinde an den Lippen Elon Musks, sind die Verbraucherpreise im April gegenüber dem Vorjahr um nicht weniger als 4,2 Prozent gestiegen. Die Produzentenpreise zogen sogar um stramme 6,2 Prozent an.

Entzauberung der Börsenlieblinge

Solche unerwartet hohe Geldentwertung sorgte für eine Schockwelle an der Wall Street, denn die Ära historisch niedriger Zinsen und maximaler fiskalischer Stimulation muss nun hinterfragt werden. Steigende Zinsen waren, sind und bleiben Gift für Aktienanlagen, ungeachtet ihres niedrigen absoluten Niveaus.

Unter der Börsenkorrektur hatten sogenannte Technologiewerte besonders zu leiden, denn ihre rosigen Gewinnaussichten beziehen sich oft auf die ferne Zukunft, müssen nun aber mit höheren Zinsen diskontiert werden. Vormalige Börsenlieblinge wurden kurzerhand entzaubert, wie man etwa am Kurssturz des Trimm-Dich-Fahrrad Online-Operators Peloton Interactive, Beyond Meat oder Bumble beobachten konnte. In Deutschland wurde etwa die Teamviewer Aktie aus ihren luftigen Höhen heruntergespült und chinesische Börsenlieblinge wurden einigermaßen zerrupft.

Die gemeldeten Inflationsdaten geben tatsächlich Anlass zur Sorge, zumal die Preisaufschläge in großer Breite auftreten und keineswegs auf Rohstoffe, Energie- und Frachtkosten beschränkt sind. Überdies wäre es falsch, die Inflationsmeldungen als ausschließlich amerikanisches Problem abzutun. Vielmehr steht Europa vor ähnlichen Problemen.

Toxische Mischung

Für Zinsanleger sind das beängstigende Nachrichten. Die große Vermögensschrumpfung hat für sie längst begonnen. Eine toxische Mischung aus Negativzinsen und hohem Kaufkraftverlust wird für viele Sparer zu einem sinkenden Lebensstandard führen. Indessen kann sich der Staat freuen. Er besteuert nominale Löhne, Zinsen und Kursgewinne und fragt dabei nicht, ob den Eigentümern auch ein realer Zuwachs entstanden ist. Auf diese Weise kann sich der Staat real entschulden. Die staatlichen Notenbanken haben ihn durch ihre Dauernullzinspolitik in diese glückliche Lage versetzt.

Den Bürgern steht Ungemach ins Haus. Der Staat wird zunehmen bei den Themen Krankenkasse, Pflegekasse, Strompreise und vor allem Rente aus Steuereinnahmen zubuttern müssen. Und die Abgabenlast dürfte tendenziell weiter steigen. Insofern wächst die Abhängigkeit der Bürger vom Staat rasant. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies zumindest in Deutschland vom Wähler gewünscht wird.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns